Lost Place - Das NVA Hotel (GC1Z2YP)

Im Ilmkreis / Thüringen befindet sich zwei Kilometer südlich vom Rennsteig das Straßendorf Frauenwald. Das Dorf ist nicht nur ein beliebter Erholungsort und angesagte Wintersportstätte, sondern war auch lange Zeit die Wahlheimat des Rennrodlers Wolfgang Scheidel. Seinen größten Erfolg feierte der gebürtige Ilmenauer 1972 bei den Olympischen Spielen in Sapporo (Japan) mit einer Goldmedaille im Einzel. Dieser Erfolg qualifizierte ihn für sein neues Amt als Sportinstrukteur im Erholungsheim "Auf dem Sonnenberg". Das aus damaliger Sicht luxuriös ausgestattete Heim war allerdings kein Urlaubsziel für den gemeinen FDGB-Ferien-Bürger. Es diente u.a. als Begegnungsstätte hochrangiger Militärs der DDR und ihrer Bruderstaaten.

Den Gästen wurden in jeder Hinsicht viel geboten. Zum einen verfügte das Heim über eine hochwertige Ausstattung. Die Zimmer wurden nach Dienstgrad verteilt, d.h. je höher das Stockwerk, umso gehobener die Einrichtung. So gab es bspw. ab der 4. Etage Farbfernseher und in der obersten Etage Parkettfußboden, eine eigene Küche und Telefone.

Zum anderen offerierte man ein umfangreiches Sportprogramm. Sicherlich halfen Instruktoren wie Scheidel beim Training im Tischtennis- oder Fitnessraum, beim Einsteigen in das 25-Meter-Schwimmbad oder beim Anlegen der Abfahrtsskier. Falls die Gäste immer noch Energie hatten, konnten sie sich im Film- und Tanzsaal betätigen, in der Sauna dehydrieren, in der Bibliothek schmökern oder einfach nur an einer der beiden Bars gepflegt betrinken. Falls es dann zu Komplikationen kam, gab es auch eine Physiotherapie und eine Arztpraxis (sogar mit Röntgenapparat). Selbst ein Frisör war vor Ort, so dass sich die Dame oder der Herr für die anderen 443 Gäste schick machen konnte. Dieses breite Leistungsspektrum bekam man für 65 DDR Mark pro Übernachtung inklusive Vollpension.

Vielleicht wurde man als Sportinstrukteur auch für die unangenehmen Arbeiten eingesetzt. So hat man "Auf dem Sonnenberg" die Konditionierung von MIG-Piloten durchgeführt. Dabei wurden die Soldaten darauf trainiert, ihre Waffe reflexgesteuert abzufeuern, um so die natürliche Tötungshemmung abzubauen.

Sprungschanzenhaus 04/2011

Die Architektur des Gebäudes ist durchdacht, wenn auch nicht einmalig oder gar bahnbrechend. Anstatt einfach "nur" einen für die DDR typischen Plattenbau im Grün des Thüringer Waldes zu errichten, wurde eine Stirnseite geneigt, so dass das 8-stöckige Objekt einer Sprungschanze ähnelt. Damit greift man die erfolgreiche Architektur des Panorama Hotels in Oberhof auf und schafft (erneut) eine gelungene Assoziation mit der Wintersportregion Thüringen. Das auch als Sprungschanzenhaus bezeichnete Erholungsheim besticht darüber hinaus durch seine Lage. Es wurde auf dem Großen Riesenhaupt (764 m) errichtet und fügt sich durch seine erhöhte Position dezent und beinahe nahtlos in die Kulisse der angrenzenden Ein- und Mehrfamilienhäuser Frauenwalds ein.

Als das Heim 1976 errichtet wurde, entstand vor den Toren Frauenwalds eine 3.600 m² große Bunkeranlage. Der Bau des Bunkers wurde gut getarnt und geheim gehalten. So wurden u.a. Baumaterialien, die für das Erholungsheim geplant waren, zur Bunkerbaustelle abgezweigt. Heute kann das Gelände besichtigt und sogar im Bunker übernachtet werden.

Mit der Wende änderte sich auch die Nutzung des Erholungsheimes. Während dieser Zeit fand sich ein Investor ein, der das Objekt im großen Stil betreiben wollte. Ich vermute, dass aus dieser Zeit der links abgebildete Flyer stammt. Irgendwann blieben die Gäste wahrscheinlich aus und man entschied sich, das Objekt vorübergehend als Wohnheim für Asylbewerber zu nutzen. Seit der Jahrtausendwende steht das Objekt zwar leer, auf dem Gelände herrscht aber reger Verkehr. Hier tummeln sich u.a. Paintballer, die bereits unzählige Zimmer coloriert haben. Auch sind immer wieder Schrottdiebe und illegale Müllentsorger vor Ort. Und wie könnte es anders sein? Seit November 2009 gibt es 3 Geocaches auf dem Gelände (GC1XPGQ, GC1YJ0X und GC1Z2YP), wobei der Letterbox-Cache mit D5/T4 bereits 673 Geocacher angelockt hat.

Erschreckend ist, wie sich der Zustand des Gebäudes über die Jahre rapide verschlechtert hat. Überall kommen die Decken herunter und die Tapeten fallen ab. Überall Schimmel und Moder. Überall sinnlose Zerstörung und tausende Glasscherben. Idiotische Geocacher (?), die alles demontieren. So gibt es in einer Etage keinen einzigen Lichtschalter mehr, der nicht demoliert oder ausgebaut ist, obwohl im Cache Listing ausdrücklich darauf verwiesen wird, das nichts zu demontieren ist. Der Aufzugsbereich unter dem Dach spricht auch Bände. Zerstörung und Schrottdiebstahl, soweit das Auge reicht. Und man bedenke, dass hier noch eine Mobilfunkantenne betrieben wird. Das Dach ist zum Teil undicht und durch die Randale wurden zahlreiche Abflussrohre zerstört, so dass auf den einzelnen Etagen Wasser aus den Rohren austritt. Im Keller steht ebenfalls Wasser (und gefriert im Winter). Überall kommt Putz herunter. Das Erholungsheim bietet einen traurigen Anblick und man kann nur hoffen, die Abrissbirne lässt nicht zu lange auf sich warten, um hier die wilden Müllkippen der Einheimischen ebenso zu entfernen, wie die Tonnen an Schadstoffen, die im Keller lagern. Der Abriss ist schon lange im Gespräch und wie es scheint, wird er wohl als Ausgleich für die Errichtung einer 380 KV-Trasse quer durch den Thüringer Wald erfolgen.

Flash ist Pflicht!
P.S. Das Video kann unbesorgt geschaut werden. Es enthält keine Spoiler.
Gravatar: dabjoerndabjoern · 02.07.2012
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Tags lost place, thüringen, video · Kategorie(n): Geocaching

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