Lost Place: VEB Eisenwerk Zwickau aka "Zwickauer Fackel"

Der VEB Eisenwerk Zwickau ist wohl der beeindruckendste Lost Place in Sachsen. Das liegt nicht nur an der erstaunlichen Größe der zahlreichen Werkhallen und des riesigen, gut erhaltenen Schmelzofens. Das Außergewöhnliche ist die erstklassige Street Art, die man überall auf dem Gelände entdecken kann. Hier waren keine zurückgebliebenen, narzisstischen Tagger am Werk, sondern über 150 herausragende Künstler aus Europa, Weißrussland, Mexiko, Argentinien, China und den USA. Sie alle pilgerten im Sommer 2013 zum Eisenwerk, das im Volksmund auch die "Fackel" genannt wird, um dort zum achten Mal die IBUg (Industriebrachenumgestaltung) zu zelebrieren.

Eine Woche lang hausten die Hartgesottenen in der Gegend, schliefen in Zelten, gönnten sich für die morgendliche Reinigung ein Bad in der uran- und arsenhaltigen Mulde und verbrachten dann den Tag auf dem Gelände der versifften Industriebrache. So entstanden unzählige Graffitis, großflächige Wandmalereien, atemberaubend detaillierte Illustrationen und Installationen aus dem Schrott, der typischerweise an einem Lost Place herumliegt. Am Ende präsentierten sie ihre Arbeit zwei Tage lang der Öffentlichkeit. Ganz legal strömten über 7.500 Besucher zum ehemaligen Eisenwerk und wurden neben urbaner Kunst zusätzlich noch mit Musik, Filmen, Vorträgen, Tanztheater und Fressalien beglückt.

Die Geschichte des Eisenwerks ist eng mit dem Abbau von Steinkohle im angrenzenden Erzgebirge und dem Uranbergbau der Wismut verbunden. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde es möglich, durch gestiegene Brennqualitäten aus der Steinkohle hochwertigen Koks herzustellen, der wiederum ausreichend Energie lieferte, um Eisen schmelzen zu können.

So entstand zur Jahrhundertwende im Norden Zwickaus eine Eisengießerei im Ortsteil Pölbitz, welcher westlich der Mulde und der Gemeinde Crossen liegt. Im Netz kursieren zwei Firmennamen, über die man nur spärlich Informationen findet. Zum einen liest man in einigen Blogs etwas von einer "Seltmann'schen Eisengießerei". Der Name Seltmann tritt jedoch nie in Zusammenhang mit Zwickau auf. Vielmehr scheint er mit dem an der tschechischen Grenze liegenden Örtchen Rittersgrün in Verbindung zu stehen.

Zum anderen stößt man auf die Firma "Zwickauer Gusswerke GmbH". Auf einer alten Zeitungsannounce findet man ein Indiz, dass es sich hier um die Unternehmung handelt, aus der später der VEB Eisenwerk Zwickau entstanden ist. So wird mit einer Güteranbindung an die Zwickauer Industriebahn geworben. Das ehemalige Streckenverzeichnis zeigt, dass es ab 1926 eine Anschlussstelle "Eisenwerk Crossen" gab. Wenn auch die Firmierung ungewiss ist, so steht fest, dass diverse Gussstücke für regionale Abnehmer in 3 Abteilungen gefertigt wurden. Nennenswert sind die Alleinstellungsmerkmale des damaligen Betriebes: "eigene besteingerichtete Modeltischlerei, solide Bedienung, reelle Preise, sofortige Lieferung durch tägliches Schmelzen aus zwei Kupol Öfen gesichert".

Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren führte zur Insolvenz der Gusswerke. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Produktion durch die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) wieder aufgenommen und das Werk modernisiert. Dabei sollte das Unternehmen vorrangig als Zulieferer von Gussteilen für die aggressiv wachsende Wismut dienen, die mit der Ausbeutung des Uranvorkommens in Sachsen und Thüringen betraut war.

Mit der Überführung aller SAG-Unternehmungen in volkseigene Betriebe entstand der VEB Eisenwerk Zwickau. In den Folgejahren änderte sich die Produktpalette und es wurden vorrangig Gussteile für den Fahrzeugbau produziert. Unter anderem entstanden hier Teile für den LKW W50 und den Traktor ZT 300. Mit der Errichtung eines Sozialgebäudes avancierte das Eisenwerk in den 1970er Jahren zum Vorzeigeunternehmen. Das Objekt war mit Umkleiden, Bädern, Behandlungsräumen für Ärzte und Physiotherapeuten, einem Speisesaal mit eigener Küche, einer Kegelbahn und Büros für die Technik und Verwaltung ausgestattet. Die letzte große Investition erfolgte mit dem Bau eines Elektroschmelzhaus in der Mitte der 1980er Jahren. Durch die Einführung wurden die Feuerung mit Koks abgeschafft und die Arbeitsbedigungen der Schmelzer verbessert.

Mit der politischen Wende kam das erneute Aus für das Eisenwerk. Die ostdeutsche Fahrzeugindustrie und die damit verbundenen Zulieferbetriebe konnten gegen den internationalen Wettbewerb wirtschaftlich, finanziell und technisch nicht standhalten. Der Betrieb wurde durch die Treuhandanstalt an die Gießerei J. Weipert & Söhne GmbH & Co aus Heilbronn verkauft. Das westdeutsche Unternehmen verlagerte den Sitz und die Produktion vollständig nach Zwickau. Von den ehemals 350 Arbeitsplätzen konnten 84 gerettet werden. Doch im Mai 1996 wurde die Produktion endgültig eingestellt und der Investor zog weiter nach Polen.

Das Betriebsgelände wurde zum Teil an einen benachbarten Baumarkt veräußert. Die verbliebenen Flächen (ca. 39.000m²) stehen seit Jahren zum Verkauf. Für aktuell 200.000 € erhält man ein mit Ölresten und phenolhaltigem Kies und Sand stark belastetes Grundstück. Die meisten Gebäude sind reif für den Abbruch. Der Verfall wurde durch Vandalismus und Brände (z.B. im Frühjahr 2013) beschleunigt. Insofern ist es ein Wunder, dass im Sommer 2013 die IBUg hier Großes schaffen durfte, was auch heute noch bestaunt werden kann.

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