Gardasee: Via Ferrata Che Guevara

Alles ist perfekt vorbereitet. Die reichhaltige Wegzehrung ist geschmiert, 3 Liter Wasser pro Kopf sind eingepackt und das ganze Equipment ist im Auto verstaut. Selbst die Stöcke sind für den endlosen, steilen Abstieg bereits am Rucksack befestigt. Später als geplant, doch früher als sonst gehen wir zu Bett.
Schon 3 Mal wollten wir die Via Ferrata Che Guevara meistern. Immer wieder machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Bei Regen oder gar Gewitter(neigung) möchte man diesen langen Klettersteig mit knapp 1.400 Metern Höhenunterschied nicht angehen. Gut 4,5 Stunden ist man im Aufstieg unterwegs und auch der Abstieg hat es mit 3 Stunden in sich. Ein letztes Mal schleiche ich zum Fenster, prüfe das Wetter und schlafe beruhigt bei sternenklarem Himmel ein.

Warum bin ich so heiß auf die Tour? Viele Klettersteig-Führer beschreiben die Via Ferrata Che Guevara als sehr lohnend und geizen nicht mit Superlativen. Das Ziel selbst, der Monte Casale ist mit seinen 1.632m nichts Wildes. Doch vom Sarcatal ausgesehen wirkt die südostseitig ausgerichtete Wand - durch die die Via Ferrata Che Guevara führt - nahezu senkrecht. Wie so oft fragt man sich, wo hier eine mäßig schwierige Route, die mit K3 (meist A/B und stellenweise C) und II bewertet ist, entlangführen soll. Der Steig ist nahezu schattenlos und es gibt keinerlei Wasser unterwegs. Das auf dem Gipfel gelegene Rifugio Don Zio (1.600m) ist nur an Wochenenden im Juli und August geöffnet. Insofern liegt der Reiz der Route wohl eher in der konditionellen Bewältigung und optimalen Logistik. Auch erwarte ich - wie es sich nun einmal für einen Klettersteig im Genussbereich gehört - kribblige Ausgesetztheit, wunderbare Tiefblicke und geniale Photos aus der Vertikalen, wie wir sie rund um den Sorapis erlebt haben.

Endlich klingelt um 4.30 Uhr der Wecker. Wir schnippen aus den Federn und schlingen ein kleines Frühstück runter. Noch bei Dunkelheit düsen wir die wenigen Kilometern nach Pietramurata (250m) und begegnen kaum einer Menschenseele. In einem wenig vertrauenerweckenden Industriegebiet parken wir unser Auto, legen die Ausrüstung an und folgen im Dämmerlicht einem schmalen Pfad. Die stinkenden und schmierigen Firmengelände liegen bald hinter uns und es geht 150Hm durch einen Kiefernwald. Optimal erwärmt gelangen wir zum (neuen) Einstieg. Die folgenden 200Hm sind meines Erachtens die schwierigsten. Der plattige, leicht geneigte Fels verlangt sauberes Reibungsklettern (C). Vor Schweiß tropfend gelangen wir zur Bait dei Pini (620m). Hier befindet sich zu unserer Rechten der einzige Notausstieg. Wir zweifeln nicht an uns, verlassen das Vorgelände und sind nun endlich in der eigentlichen Wand unterwegs.

Die Route ist elegant geführt. Es wechseln sich Kletterpassagen, Schottersteige, leichte Querungen, Felsstufen und Gehgelände ab. Letzteres lädt zum Pausieren und Photographieren ein. Die Sicherungen sind top in Schuss, einzig ein paar wenige, nicht weiter benötigte Steigbügel sind verbogen. Besonders ausgesetzte, vertikale Stücke bleiben Kletterern vorbehalten, was mich etwas enttäuscht. Doch hin und wieder komme ich auf meine Kosten und kann ein paar schöne Tiefblicke festhalten. Dabei ist ein wenig photographisches Talent gefragt, denn dass hässliche Industriegebiet samt Steinbruch schiebt sich stets ins Bild. Ein weiterer Wermutstropfen, der aber schnell wieder vergessen ist. Unser früher Aufbruch erlaubt es uns, bei annehmbaren Temperaturen und ohne weitere Gipfelaspiranten die Wand zu durchsteigen. Wir treffen tatsächlich den ganzen Tag niemanden, was hier äußerst selten ist. Die Via Ferrata Che Guevara ist sehr beliebt und in der Regel oft begangen, wodurch besonders im Mittelteil große Steinschlaggefahr besteht.

Auf einen Felsblock ist mit roter Farbe "Tiramisu" gepinselt. Selbstredend machen wir hier Rast und genießen unsere mitgebrachten Speisen, die allerdings etwas einfacher ausfallen. Auf etwa 1.000 Meter Seehöhe wartet noch eine lange Klammerreihe in vertikalem Fels auf uns. Danach erreichen wir das Maurizio-Band (1.200m), welches einen besonderen Punkt darstellt. Zum einen markiert es das Ende des Klettersteigs. Es gibt nicht nur ein Wandbuch, sondern auch den ersten Schatten seit Stunden. Zum anderen versteckt sich hier ein Geocache (D3/T5), den wir nach kurzer Suche finden können.

Auf den letzten 430Hm gibt es nur noch kurze, gesicherte Abschnitte. Der schmale Pfad führt nun links um den Berg herum. Eine breite Geröllrinne erlaubt den ersten Blick zum Gipfel und bewirft uns mit Gesteinsmaterial, welches uns u.a. am Knie schmerzhaft trifft. Anschließend werden wir noch mit 2 knackigen Boulderpassagen (C) verwöhnt und stehen plötzlich - nach all dem kargen Fels und Schutt - in einem grünen, hügeligen Paradies. Wir werden von einer Gams begüßt und verlassen über einen felsigen Nebengrat das steile Gelände. Ein kurzer Hatscher noch auf dem weiten Gipfelplateau und wir erreichen das Gipfelkreuz des Monte Casale. Die Almwiese steht hoch. Um uns herum grünt, blüht und summt es. Unsere Blicke schweifen zu den Dolomiten im Osten, zum Gardasee im Süden, zur Adamello-Gruppe und zur Brenta. Letztere zeigt sich relativ schnee- und wolkenfrei, was uns glücklich stimmt. In den kommenden Tagen steht die Via delle Bocchette - die große Brenta Durchquerung - auf dem Programm.

Nach einer längeren Pause am Rifugio Don Zio treten wir den Rückweg an. Wir entscheiden uns für den Weg 427, da laut Eugen E. Hüsler die Via Ferrata del Rampin (Weg 426) gesperrt ist. Dieser Steig ist recht steil und führt seilversichert durch den Wald direkt nach Pietramurata. Wir müssen nicht groß nachdenken, welcher Abstieg für uns der bessere ist. Plötzlich kommt starker Wind auf, größere Äste fliegen durch die Luft, Bäume knarzen und schwanken bedrohlich. Ein heftiges Gewitter zieht heran. Wir hasten gen Tal über Forst- und Waldwege, springen über kleine Blöcke, rasen über Schotter, kreuzen die SS237 und kommen letztendlich wieder ins Sarcatal. Heftiger Regen hat eingesetzt und zusammen mit dem Sturm haben wir mächtig Respekt. Wehe dem, der jetzt noch auf einem Klettersteig unterwegs ist. Zuletzt geht es an der Straße entlang zurück zum stinkigen Industriegebiet. Am Rande der Kiesgrube stoßen wir noch auf einen kleinen Lost Place - herrlich dem Verfall preisgegebene Hüttchen.

Zurück im sehr empfehlenswerten Agriturismo Santa Lucia legen wir die Beine hoch und lassen den Tag Revue passieren. Wir lesen noch einiges über die Via Ferrata Che Guevara. Unter anderem, dass es weit schönere Steige geben soll. So zum Beispiel die Via Ferrata Monte Albano, die Via ferrata Rino Pisetta oder die Via Ferrata dell'Amicizia zur Cima S.A.T. Neue Ziele stehen damit fest ;) wobei gesagt sein muss, dass die ersten Beiden Sportklettersteige sind.
Auch lesen wir von der Empfehlung, Fahrräder für den Abstieg zu positionieren. Man kann mit dem Auto relativ weit Richtung Rifugio Don Zio fahren, zahlt ab Comano ein paar Euro Maut. Dafür hat man eine geniale Abfahrt und wäre in unserem Fall gar nicht erst in dieses heftige Gewitter geraten. Dennoch sind wir sehr zufrieden. Endlich haben wir diesen Konditionsbolzen erleben dürfen und freuen uns über einen gelungenen Tag mit herrlichen Impressionen.

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Abenteuerwege Ost- Westalpen: 32 spannende Touren mit dem gewissen Etwas" von Eugen E. Hüsler. Die Touren sind sehr gut beschrieben. Zum einen erzählt Hüsler lebhaft von seiner eigenen Begehung. Zum anderen erläutert er detailiert die einzuschlagende Route. Der Kartenausschnitt ist nur 1:50.000 und auch fehlt m.E. ein Höhenprofil. Abgesehen davon überzeugt die Tourenauswahl durch Qualität und Anspruch.

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