Griesenschlucht: Wildwasser-Klassiker auf der Loisach

Es ist kurz nach fünf Uhr an einem sonnigen Morgen im Mai 2011. Ich wache schweißgebadet auf. In allerletzter Sekunde bekomme ich den Reißverschluss geöffnet und breche in die Apside unseres Zeltes. Die nächsten Stunden schaue ich meinen Paddelkollegen vom USV Jena zu, wie sie sich für die Befahrung der Loisach wappnen und den Weg von Saulgrub nach Garmisch-Partenkirchen antreten. Ich bleibe allein zurück, kaue trockenes Brot und lasse mir am Abend - etwas neidisch, aber zum größten Teil doch erleichtert - von den Erlebnissen erzählen.

Die Loisach bietet mit der Griesenschlucht einen absoluten Wildwasser-Klassiker, der meist von März bis September befahrbar und mit WW III bis IV technisch anspruchsvoll ist. Der über 5 Kilometer lange Abschnitt ist berühmt für seinen einzigartigen Naturslalom. Der Wildbach ist stark verblockt, bietet durch sein großes Gefälle (58m) kleinere Stufen und enge Durchfahrten. Hunderte Kehrwasser dürfen zum Üben, Spielen, Pausieren oder Scouten angefahren werden. Wie bei vielen Wildbächen besteht auch hier große Gefahr durch umgestürzte Bäume und Treibholz. So stapeln sich an einigen Felsblöcken dutzende Baumstämme übereinander und blockieren einen Großteil des Bachlaufes. Die Sicht wird dadurch erheblich erschwert.

Für den fortgeschrittenen Paddler ist der Bach ein wahrer Traum. Obwohl die Griesenschlucht keine Schlucht i.e.S. mit senkrechten, unüberwindbaren Felswänden darstellt, sondern vielmehr ein Waldtal ist, ist sie dennoch landschaftlich sehr reizvoll. Der obere und mittlere Teil sind nicht verbaut oder ihres unsprünglichen Charakters beraubt. Parallel zum Bach verlaufen die Bundesstraße und ein Wanderweg. Insofern kann man während der Anreise die meisten Schlüsselstellen begutachten. Der untere Teil wurde nach einem Hochwasser deutlich umgestaltet.

Doch für Anfänger, wie es einige von uns (inklusive mir) 2011 noch waren, kann die Griesenschlucht schnell zum Negativerlebnis werden. Punktgenau muss gefahren werden und in der allgemeinen Aufregung sollte man den Vorfahrer nicht aus den Augen verlieren. Zum Teil gibt es nur eine gute Durchfahrt. Trifft man diese nicht oder entscheidet sich für die Falsche, kann es passieren, dass man zwischen zwei Felsblöcken steckt und sich eventuell auf einen Schwimmer einlassen muss.

Erst im Mai 2016 sollte ich erneut die Chance bekommen, die Loisach mit meinem Kendo zu befahren. Zu viert brachen wir an einem kalten, regnerischen Morgen von unserem Quartier in Pians (Landeck) nach Garmisch-Partenkirchen auf. Nach gut eineinhalb Stunden Fahrt erreichten wir den oberen Parkplatz, machten uns fertig und liefen schlussendlich die gut 50m hinab zur Einsatzstelle auf einer breiten Kiesbank. Das Wasser war kalt und wir froren an die Finger. Doch das war schnell vergessen, denn nach wenigen Paddelschlägen drangen wir in das Waldtal ein und die Schwierigkeiten nahmen rasch zu. Der Pegel lag mit 90cm an der unteren Befahrungsgrenze (Niedrigwasser). Sofort waren wir hochkonzentriert. Nachdem wird die erste Anspannung und Steifigkeit überwunden hatten, zirkelten wir souverän mit großem Spaß und vielen Freudenrufen - und sinnlosen Liedern auf den Lippen - durch das Felslabyrinth.

Wir genossen es, allein auf dem Wildbach unterwegs zu sein, nahmen uns Zeit und hielten auch hin und wieder an, um schwer einsehbare Stellen vom Ufer aus zu erkunden. Umtragen kann man theoretisch überall, doch davon mussten wir keinen Gebrauch machen. An keiner Stellen lagen Bäume unpassierbar quer. Den Dom (mit WW IV eine der Schlüsselstellen) durchfuhren wir auf der linken Seite, wobei die Hälfte von uns am selben, flach unter der Wasseroberfläche lauernden Stein zum Rollen animiert wurden ;) Die restlichen Abschnitte meisterten wir mit Bravour.

Bevor die Schwierigkeiten endgültig abnahmen, schossen wir durch das 50m lange "Treppenhaus" und kamen danach nicht mehr aus dem Grinsen. Viel zu früh erreichten wir die Aussatzstelle mit dem kleinen Häuschen des hiesigen Kanuvereins und dem riesigen, matschigen Parkplatz. Ohne Probleme könnte man noch ein zweites oder drittes Mal die Griesenschlucht an einem Tag befahren. Doch wir beobachten lieber die ukrainische Paddlerin, die ihre Bierflasche mit den Zähnen öffnet, zogen uns in Ruhe um, aßen und sparten uns sinnigerweise die Kräfte für die noch in den nächsten Tagen anstehenden Befahrungen der wuchtigen Sanna (Pianser Schwall) und der Imster und Tösener Schlucht.

Ganz nebenbei hatte ich während der Befahrung der Griesenschlucht die einzigartige Möglichkeit, den Kajak Cache (D4/ T5) einzusammeln. Der Fels, an dem der Hardcore-Cache versteckt ist, ist so markant, dass man ihn auch ohne GPS nur anhand der Spoiler findet. Von den bisher 31 Funden seit 2013 war ich der Erste, der zum Cache mit dem Boot gelangt ist. Alle Anderen hatten sich entweder zum Versteck abgeseilt und sind dann wieder am Seil aufgestiegen oder sind bei äußerstem Niedrigwasser durch die eisige Loisach gewatet.

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