Lost Place: VEB Porzellanwerk Freiberg

Das Porzellanwerk in der Himmelfahrtsgasse 8 am Davidschacht in Freiberg ist ein geschichtsträchtiger Lost Place von besonderer Größe. Neben dem 3,5 Hektar großen Grundstück und dem 3.700m² großen Hauptgebäude versetzt vor allem die über einhundert Meter lange Tunnelofenhalle mit dem 60m langen Glattbrand- und dem 34m langen Schrühbrandofen seine Betrachter in Staunen. Nach vielen Jahren des Konzipierens und Suchens nach Investoren sind die Tage der - von Leerstand, Verfall und Vandalismus - gezeichneten Industriebrache mittlerweile gezählt. Nachdem 2015 einige baufällige Produktions- und Lagerhallen abgerissen wurden, stand spätestens seit 2017 fest, dass hier nie mehr Porzellan produziert werden wird. Allerdings bleibt das als technisches Denkmal unter Schutz gestellte Hauptgebäude bestehen, welches seit seiner Errichtung im Jahre 1889 ein halbes Dutzend Industrieunternehmen der unterschiedlichsten Branchen berherbergt hat.

Im Netz herrscht eine außerordentliche Konfusion über die Geschichte des Standortes "Himmelfahrtsgasse 8". Es steht außer Frage, dass das VEB Porzellanwerk Freiberg das Areal lange Zeit genutzt hat, doch auf dem Gelände wurde - wie oftmals fälschlicherweise dargestellt - nicht immer schon Porzellan produziert.
Von 1889 bis zur Einstellung des Freiberger Bergbaus im Jahre 1913 befand sich unter der Adresse die Zentralwäsche der Grube "Himmelfahrt". Für die Erzwäsche wurden neben einem Trockenpochwerk mehrere Sumpfteiche (zu Klärzwecken) und ein 10.000m³ fassender Erzwäscheteich angelegt.

In den Jahren zwischen 1916 und 1920 nutzte die Kriegsmetall Aktiengesellschaft Berlin die moderne Produktionsstätte zur Aufbereitung von Wolframerzen. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs siedelten sich 1921 das Pappenindustriewerk "Muldental" und eine Flachsverarbeitungsanstalt an. In dieser Zeit wurde durch den Architekten Werner Retzlaff das heute noch gültige, äußere Erscheinungsbild des Hauptgebäudes inklusive der Dachterasse und des Turmaufbaus definiert. Die architektonischen Veränderungen waren dabei so umfassend, das der bergbauliche Charakter des Hauptgebäudes vollständig verloren ging.

Ende der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre standen erneut große Nutzungsänderung an. Der Tausend Chemische Studiengesellschaft e.V. betrieb auf dem Gelände von 1927 bis 1932 eine chemische Versuchsanstalt und die Freiberger Mörtel- und Zementfabrik Vydrel KG von 1928 bis 1945 ein Zementwerk.
Zusätzlich wurde in der Zeit von 1936 bis 1945 von Walter Hildebrand eine Werkstatt für Präzisionsinstrumente der Rüstungsindustrie eingerichtet. Seitdem ist der Standort unter den Einheimischen auch als "Hildebrandsche Fabrik" bekannt. Es wurden u.a. Rundblickfernrohre, Streckenzugtalfeln, Entfernungsmesser, Panzerzielgeräte und Steuereinrichtungen für V2 Raketen von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus Polen, Frankreich und der Sowjetunion hergestellt. Mit Kriegsende sollte dann endlich die Porzellanherstellung in der Himmelfahrtsgasse 8 Einzug halten.

Die Geschichte des Porzellanbrands in Freiberg geht auf das Jahr 1906 zurück. In diesem Jahr wurde die Freiberger Porzellanfabrik als Nebenstelle der Kahla Aktiengesellschaft gegründet und im Gebäude des heutigen Landratsamts (Frauensteiner Straße 43) angesiedelt. Zunächst wurde elektrotechnisches Porzellan auf dem Gebiet der Hochspannungsisolatoren und Schalter hergestellt. Im Jahre 1914 beschäftigte die Freiberger Fabrik bereits 400 Angestellte. Man forschte in den hauseigenen Laboren intensiv auf dem Gebiet der Porzellanherstellung und brachte so das erste 1-Million-Volt Versuchsfeld Europas, runde Tunnelöfen und neue keramische Massen hervor. Später wurde zusätzlich Haushaltsporzellan gefertigt, wobei nicht nur die kahlaische Linie fortgeführt, sondern auch eigene Designs entwickelt wurden. 1944 stoppte man die Porzellanherstellung und richtete in der Frauensteiner Straße 43 ein Außenlager des KZ Flossenbürgs ein. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs sollte die Produktion wieder aufgenommen werden. Allerdings gaben die Besatzungsmächte die alte Produktionsstätte nicht frei und verlagerten im September die Fabrikation in die Himmelfahrtsgasse 8.

Anfang 1946 firmierte das Unternehmen als "Porzellan Fabrik GmbH Freiberg", doch bereits 1947 erfolgte die Umwandlung zum "VEB Porzellanwerk Freiberg". Bis zur endgültigen Betriebseinstellung 1999 wurde vorrangig Haushalts- und Zierporzellan gefertigt, darunter Becher, Krüge, Töpfe, Services, Geschirr, Gerätesteckteile und Kochplatteneinsätze. Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung des Standorts und der Produktionsverfahren konnte die jährliche Ausbringungsmenge von 200t (1950) auf 600t (1963) erhöht werden. Spätestens mit der Eingliederung in das VEB Porzellankombinat Kahla erreichte das Freiberger Porzellan einen Markenstatus und konnte so mehrfach Gold auf der Leipziger Messe ergattern.

Die politische Wende brachte neben einer weiteren Umfirmierung ("Sächsische Porzellanwerk Freiberg GmbH") zwischen 1991 und 1994 einige unbefriedigende Eigentümerwechsel. Nach der Betriebseinstellung 1999 erfolgte im Jahr 2000 eine Versteigerung über die Betriebs- und Geschäftsausstattung der Porzellanfabrik. Bereits im selben Jahr wurde am 1. August die Freiberger Porzellan GmbH gegründet, die seitdem an einem neuen Standort und mit moderner Fertigungs- und Brenntechnik ihr Glück als Markenproduzent versucht.

Obwohl sich 1997 eine Autoverwertung am Rande der Hildebrandschen Fabrik angesiedelt hat, war der Standort für viele Jahre sich selbst überlassen und wurde wie so oft von Paintballern, Geocachern und Vandalen böse heimgesucht.

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