Monte Antelao: Der Dolomitenkönig

Update: Durch einen massiven Felssturz am 12. November 2014 hat sich die Normalroute wesentlich verändert. Die hier beschriebene Besteigung unternahmen wir vor dem Unglück. Am Ende des Beitrags findest Du mehr Informationen zu den aktuellen Bedingungen.

Der Monte Antelao ist mit seinen 3.264m der zweithöchste Berg der Dolomiten und wird gern als "Dolomitenkönig" bezeichnet. Doch diesen Titel trägt er nicht nur wegen seiner absoluten Höhe, sondern auch wegen seiner Dominanz: die Höhendifferenz zwischen Talsohle und Gipfel beträgt gut 2.500Hm. Des Weiteren machen ihn seine Form, die Aufstiegsmöglichkeiten und seine Lage zu etwas Besonderem. An Tagen mit gutem Weitblick kann man vom Gipfel aus Richtung Süden bis zur Adria blicken und Richtung Norden den Großglockner und Großvenediger ausmachen.

Die unverkennbare, isoliert stehende Felspyramide bietet mehrere großartige Besteigungsalternativen. Zum einen gibt es Routen für absolut routinierte und ambitionierte Bergsteiger. In der Nordostwand verläuft die "Via Oppel" (TD) mit Steileis jenseits der 60° und einer senkrechten Passage. Etwas leichter ist die "Menini-Führe". Hier warten 55° steiles Eis und Schwierigkeiten im II. und III. Grad. Zum anderen bietet der Nordgrat die lohnenswerte Normalroute "Le Laste" (PD-) mit Stellen im II. Grad und viel "Reibungsklettern" auf bis zu 35° geneigten Platten.

Der Normalweg ist für den geübten Bergsteiger unschwierig, aber dennoch herausfordernd. Eine Stelle im oberen Plattenbereich ist "gesichert", ansonsten bewegt man sich hier ursprünglich im teilweise exponierten Gelände ohne jegliche Sicherungen. Der Gipfel ist oft wolkenverhangen; der Aufstieg über die Nordabdachung kann bei Hitze sehr anstregend werden. Ein früher Start, wenig Gepäck und ausreichend Wasser sind hier ratsam. Die Normalroute sollte nur bei guten Bedingungen unternommen werden, denn bei Schnee und Eis sind die mit Geröll bedeckten Plattenschüsse objektiv gefährlich. Aber selbst bei einer Besteigung im Frühsommer sind Pickel und Steigeisen nützlich und können über den Gipfelerfolg entscheiden bzw. das Überleben sichern :)

Ausgangspunkt für die Normalroute ist San Vito di Cadore (1.019m) im Südosten von Cortina d'Ampezzo. Als Parkplatz bietet sich die Talstation der Seilbahn "San Marco" an (1.225m), die zum Rifugio Scotter führt. Natürlich könnte man für seinen Aufstieg den verpöhnten Lift nutzen, doch viel schöner ist es, mit dem Drahtesel zum Rifugio Scotter zu fahren, oder zu Fuß direkt zur Forcella Piccola (2.120m) zu wandern. Wer die Tour nicht an einem Tag rocken will, kann im belebten Rifugio Scotter (1.580m) nächtigen, oder das ruhigere Rifugio Pietro Galassi (2.018m) aufsuchen. Wir entschieden uns für letztere Variante, denn wir waren erst spät in San Vito angekommen und wollten den Gipfelanstieg ausgeruht und sehr früh am Morgen meistern.

Das Rifugio Galassi erwies sich als Oase der Gastfreundschaft. Die ehemalige Militärbaracke war zwar hinsichtlich der Ausstattung sehr einfach, aber die Betreiber - seit einiger Zeit stetig wechselnde Freiwillige der Sektion - waren umso herzlicher. Mitte Juli waren wir so gut wie allein auf der Hütte und genossen die Sonne und Ruhe sowie das gute italienische Abendessen. Nach einer entspannten Nacht und einem einfachen Frühstück - trockene Kekse mit Kaffee - brachen wir gegen 6.00 Uhr auf. Die Forcella war schnell erreicht.

Der markierte Weg zweigte an der Forcella Piccola nach links ab und führte uns über ein paar sanfte, grüne Hügelkuppen, bevor wir in einen Schuttkessel gelangten. Der durch grobes Geröll führende Pfad beschrieb einen großen Bogen durch das Kar und stieg stetig zu einer Felsflanke an. Von weitem erschien uns ein Durchsteigen als unmöglich und doch gelangten wir über Bänder und Stufen effizient durch die Steilflanke. Dieser Abschnitt ("La Bala", 2.400m) war - zumindest für uns - der Anspruchsvollste, da die Querbänder schmal, mit Schutt bedeckt und recht steil waren. In den Füßen und im Bauch kribbelte es köstlich aufgrund der Ausgesetztheit der Passage.

Gut 200Hm weiter oben stiegen wir aus der Flanke aus und betraten die gewaltige Nordabdachung "Le Laste". Hier hieß es nun, Vertrauen in die Reibung der Schuhe zu haben und den optimalen Weg über die geneigten Platten zu finden. Zunächst wartete auf uns eine kleine Querung nach rechts, auch hier war wieder volle Konzentration gefragt. Dann gingen wir auf den Karrenplatten anstregend bergan. Der Sonne ausgesetzt, arbeiteten wir uns durch Geröll nach oben und folgten teilweise hüfttiefen Erosionsrinnen. Auf etwa 2.800m verließen wir den unteren Plattenbereich und erreichten über eine seitliche Felsspalte in einfacher Kletterei die obere Platte.

Bis zum Bivacco Cosi (3.111m) ging es unschwierig weiter, wobei die Platte nun deutlich schmaler und noch steiler geneigt war. Auf Schutz oder eine Übernachtung im feuchten und verdreckten Bivaco brauchten wir nicht mehr hoffen, denn der Boden war verrottet und teilweise eingebrochen. Wieder folgten wir einigen geröllbedeckten Bändern und gelangten zum Gipfelaufbau. Hier hatten wir schlechte Sicht und einige Probleme, die wenigen Kennzeichnungen auszumachen. Einige deutliche Spuren führten ins Leere bzw. kritisches Gelände (Schnee, Eis, steiler Fels), doch mit etwas Orientierungssinn erreichten wir die Schlüsselstelle. Nach einem kurzen, ausgesetzten Band folgte ein 5-7m hoher Kamin. Er war mit einem alten Drahtseil gesichert, das schlapp herumhing. Daneben gab es in unserem Fall noch ein Fixseil, welches einen vertrauenserweckenden Eindruck machte. Doch es ging auch ohne :)

Nachdem auch diese letzte Schwierigkeit genommen war, traversierten wir über den Vorgipfel zum Hauptgipfel. Hier gab es viel Platz und normalerweise eine bombastische Aussicht. An manchen Tagen sollen sich hier angeblich Massen von Menschen tummeln. Doch am heutigen Tag war gerade einmal eine junge Frau mit uns aufgestiegen. Nach einer ausgiebigen Pause und dem obligatorischen Eintrag im Gipfelbuch ging es wieder an den Abstieg. Dieser folgte dem Aufstiegsweg und war unbedeutend schneller. Das Gelände lässt kein rennen zu und bis zum Ausstieg aus der Felsflanke war volle Konzentration gefragt. Erst dann konnten wir "durchatmen" und gemütlich ins Tal hinabschlendern.

Doch bevor wir wieder in die schnöde Zivilisation zurückkehrten, schauten wir noch einmal beim Rifugio Galassi vorbei, tranken besten Espresso, sammelten unser zurückgelassenes Gepäck und verließen die Hütte nach herzlichem Abschied. Die Mittagshitze stand am Hang und der steile Abstieg durchs Geröll wollte unseren Knien nicht schmecken. So entschieden wir uns für die Seilbahn, die uns entspannt zum Parkplatz brachte. Von dort ging es zum absolut empfehlenswerten Campingplatz "Olympia". Gerade, als wir mit dem Zeltaufbau fertig waren, ging ein heftiges Gewitter mit starkem Regen über uns hernieder. Doch das war uns egal. Wir saßen gemütlich eingepackt im trockenen Zelt und freuten uns über die anspruchsvolle Gipfeltour am Monte Antelao.

Update zum Felssturz

Im Sommer 2018 bestiegen wir die Punta Sorapis und besuchten das Rifugio San Marco. Dort erzählte uns die Wirtin - in gutem Deutsch - ausgiebig von dem massiven Felssturz, der sich am 12. November 2014 am Monte Antelao ereignete. Nach schweren Regenfällen gingen in der Novembernacht Millionen Kubikmeter Gestein vom Gipfel des Antelao ab. Dabei wurde der gesamte obere Plattenschuss inklusive des maroden Bivacco Cosi vom Gipfelbereich abgeräumt. Eine gewaltige Schlammlawine bahnte sich ihren Weg ins Tal, zertsörte die alte Seilbahn "San Marco" und begrub den Parkplatz samt einer oder mehrerer Person(en).

Leider findet man nur erschwert offizielle Informationen zum Unglück, zumindest, wenn man kein Italienisch beherrscht. Vor Ort ist die Tour nach wie vor - ohne jegliche Warnhinweise - beschildert. Gemäß der Hüttenwirtin ist die Situation am Berg instabil. Die Route ist offiziell von der CAI gesperrt und sollte nicht begangen werden. Sicherlich kannst du dich über diese Sperrung hinwegsetzen, wobei du bedenken musst, dass etwaige Rettungseinsätze finanziell von dir zu tragen sind.
Ein Bergsteiger beschreibt auf hikr.org offen seine nervenaufreibende Besteigung und warnt eindrücklich vor Steinschlag, den extrem glatten Platten und der völlig veränderten Route (man steigt nun durchgängig linksseitig auf). Da die Seilbahn nur noch im Winter in Betrieb ist, muss man entweder das Hüttentaxi zum Rifugio Scotter nutzen (verkehrt frühstens ab 8.30 Uhr) oder zusätzliche Höhenmeter in Kauf nehmen. Falls du von der Tour nicht lassen kannst, so erkundige dich auf dem Rifugio San Marco nach der aktuellen Situation am Monte Antelao.

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Hochtouren Ostalpen. 100 Fels- und Eistouren zwischen Bernina und Tauern". Edwin Schmitt und Wolfgang Pusch haben mit diesem Buch ein Standardwerk geschaffen, das bei keinem Hochtourengeher im Regal fehlen darf. Es wird jeder Schwierigkeitsgrad bedient, so dass selbst Hartgesottene auf ihre Kosten kommen. Die Beschreibungen und das Kartenmaterial sind perfekt. Absolute Kaufempfehlung!

1 Comments für "Monte Antelao: Der Dolomitenkönig" Schreibe Deinen

  1. Bei unserer diesjährigen Tour an der Sorapis haben wir viel Neues über den Antelao und den Felssutrz von 2014 erfahren. Die Informationen habe ich im Artikel ergänzt.

Write new comment

Dein Kommentar wird redaktionell geprüft und alsbald freigeschalten.