Monte Antelao: Der Dolomitenkönig

Der Monte Antelao ist mit seinen 3.264m der zweithöchste Berg der Dolomiten und wird gern als "Dolomitenkönig" bezeichnet. Doch diesen Titel trägt er nicht nur wegen seiner absoluten Höhe, sondern auch wegen seiner Dominanz: die Höhendifferenz zwischen Talsohle und Gipfel beträgt gut 2.500Hm. Des Weiteren machen ihn seine Form, die Aufstiegsmöglichkeiten und seine Lage zu etwas Besonderem. An Tagen mit gutem Weitblick kann man vom Gipfel aus Richtung Süden bis zur Adria blicken und Richtung Norden den Großglockner und Großvenediger ausmachen.

Die unverkennbare, isoliert stehende Felspyramide bietet mehrere großartige Besteigungsalternativen. Zum einen gibt es Routen für absolut routinierte und ambitionierte Bergsteiger. In der Nordostwand verläuft die "Via Oppel" (Schwierigkeit TD) mit Steileis jenseits der 60° und einer senkrechten Passage. Etwas leichter ist die "Menini-Führe". Hier warten 55° steiles Eis und Schwierigkeiten im II. und III. Grad. Zum anderen bietet der Nordgrat die lohnenswerte Normalroute "Le Laste" (Schwierigkeit PD-) mit II-Stellen und viel "Reibungsklettern" auf bis zu 35° geneigten Platten.

Der Normalweg ist für den geübten Bergsteiger unschwierig, aber dennoch herausfordernd. Eine Stelle im oberen Plattenbereich ist "gesichert", ansonsten bewegt man sich hier ursprünglich im teilweise exponierten Gelände ohne jegliche Sicherungen. Der Gipfel ist oft wolkenverhangen; der Aufstieg über die Nordabdachung kann bei Hitze sehr anstregend werden. Ein früher Start, wenig Gepäck und ausreichend Wasser sind hier ratsam. Die Normalroute sollte nur bei guten Bedingungen unternommen werden, denn bei Schnee und Eis sind die mit Geröll bedeckten Plattenschüsse objektiv gefährlich. Aber selbst bei einer Besteigung im Frühsommer sind Pickel und Steigeisen nützlich und können über den Gipfelerfolg entscheiden bzw. das Überleben sichern :)

Ausgangspunkt für die Normalroute ist San Vito di Cadore (1.019m) im Südosten von Cortina d'Ampezzo. Als Parkplatz bietet sich die Talstation der Seilbahn "San Marco" an (1.225m), die zum Rifugio Scotter führt. Natürlich könnte man für seinen Aufstieg den verpöhnten Lift nutzen, doch viel schöner ist es, mit dem Drahtesel zum Rifugio Scotter zu fahren, oder zu Fuß direkt zur Forcella Piccola (2.120m) zu wandern. Wer die Tour nicht an einem Tag rocken will, kann im belebten Rifugio Scotter (1.580m) nächtigen, oder das ruhigere Rifugio Pietro Galassi (2.018m) aufsuchen. Wir entschieden uns für letztere Variante, denn wir waren erst spät in San Vito angekommen und mussten in der Mittagshitze zur Forcella aufsteigen.

Das Rifugio Galassi erwies sich als Oase der Gastfreundschaft. Die ehemalige Militärbaracke ist zwar hinsichtlich der Ausstattung sehr einfach, aber die Betreiber und Bediensteten sind umso herzlicher. Mitte Juli waren wir so gut wie allein auf der Hütte und genossen die Sonne und Ruhe sowie das gute italienische Abendessen. Nach einer entspannten Nacht und einem einfachen Frühstück brachen wir gegen 6.00 Uhr auf. Die Forcella war schnell erreicht.

Der markierte Weg zweigt an der Forcella Piccola nach links ab und führt über ein paar sanfte, grüne Hügelkuppen, bevor man in einen Schuttkessel gelangt. Der durch grobes Geröll führende Pfad beschreibt einen großen Bogen durch das Kar und steigt stetig zu einer Felsflanke an. Von weitem mag ein Durchsteigen dieser unmöglich erscheinen und doch gelangt man über Bänder und Stufen effizient durch die Steilflanke. Dieser Abschnitt ("La Bala", 2.400m) ist wahrscheinlich der anspruchsvollste, da die Querbänder schmal, mit Schutt bedeckt und recht steil sind. In den Füßen kribbelt es, denn die Passage ist wunderbar ausgesetzt.

Gut 200Hm weiter oben steigt man aus der Flanke aus und betritt die gewaltige Nordabdachung "Le Laste". Hier heißt es nun, Vertrauen in die Reibung der Schuhe haben und den optimalen Weg über die geneigten Platten finden. Zunächst wartet auf den Bergsteiger eine kleine Querung nach rechts - auch hier ist wieder volle Konzentration gefragt. Dann geht es auf den Karrenplatten anstregend bergan. Der Sonne ausgesetzt, arbeitet man sich durch Geröll nach oben und folgt teilweise hüfttiefen Erosionsrinnen. Auf etwa 2.800m verlässt man den unteren Plattenbereich und erklimmt in einfacher Kletterei über eine seitliche Felsspalte die obere Platte.

Bis zum Bivacco Cosi (3.111m) geht es unschwierig weiter, wobei die Platte nun deutlich schmaler und noch steiler geneigt ist. Auf Schutz oder eine Übernachtung im feuchten und verdreckten Bivaco braucht man nicht mehr hoffen, denn der Boden ist verrottet und teilweise eingebrochen. Wieder folgt man einigen geröllbedeckten Bändern und gelangt zum Gipfelaufbau. Hier hatten wir schlechte Sicht und einige Probleme, die wenigen Kennzeichnungen auszumachen. Einige deutliche Spuren führten ins Leere bzw. kritisches Gelände (Schnee, Eis, steiler Fels), doch mit etwas Orientierungssinn erreicht man die Schlüsselstelle. Nach einem kurzen, ausgesetzten Band folgt ein 5-7m hoher Kamin. Er ist mit einem alten Drahtseil gesichert, das schlapp herumhängt. Daneben gab es in unserem Fall noch ein Fixseil, welches einen vertrauenserweckenden Eindruck machte. Doch es geht auch ohne :)

Nachdem auch diese letzte Schwierigkeit genommen ist, traversiert man über den Vorgipfel zum Hauptgipfel. Hier gibt es viel Platz und normalerweise eine bombastische Aussicht. An manchen Tagen sollen sich hier angeblich Massen von Menschen tummeln. Doch am heutigen Tag war gerade einmal eine junge Frau mit uns aufgestiegen. Nach einer ausgiebigen Pause und dem obligatorischen Eintrag im Gipfelbuch ging es wieder an den Abstieg. Dieser folgt dem Aufstiegsweg und ist unbedeutend schneller. Das Gelände lässt kein rennen zu und bis zum Ausstieg aus der Felsflanke ist volle Konzentration gefragt. Erst dann kann man "durchatmen" und gemütlich zur Hütte oder zum Auto hinabschlendern.

Wir für unseren Teil schauten noch einmal am Rifugio Galassi vorbei, tranken besten Espresso, sammelten unser Gepäck und verließen die Hütte nach herzlichem Abschied. Die Mittagshitze stand am Hang und der steile Abstieg durchs Geröll wollte unseren Knien nicht schmecken. So entschieden wir uns für die Seilbahn, die uns entspannt zum Parkplatz brachte. Von dort ging es zum empfehlenswerten Campingplatz "Olympia". Gerade fertig mit dem Zeltaufbau ging ein heftiges Gewitter mit starkem Regen über uns hernieder. Doch das war uns egal. Die Gipfeltour war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg und Hochgenuss!

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Hochtouren Ostalpen. 100 Fels- und Eistouren zwischen Bernina und Tauern". Edwin Schmitt und Wolfgang Pusch haben mit diesem Buch ein Standardwerk geschaffen, das bei keinem Hochtourengeher im Regal fehlen darf. Es wird jeder Schwierigkeitsgrad bedient, so dass selbst Hartgesottene auf ihre Kosten kommen. Die Beschreibungen und das Kartenmaterial sind perfekt. Absolute Kaufempfehlung!

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