Sentiero Claudio Costanzi: Stille in der Brenta

Für unseren Sommerurlaub Anfang Juli 2013 hatten wir uns einige Touren rund um den Gardasee und in der Brenta herausgesucht. Das absolute Highlight sollte dabei die anspruchsvolle Grat-Tour entlang des Sentiero Claudio Costanzi sein. Die Kammroute ist ein wenig länger als der Jubiläumsgrat, wenngleich technisch einfacher. Ohne Nutzung der Grostè-Seilbahn sind gut 1.780Hm im Auf- und Abstieg zu überwinden, mit Seilbahn lediglich 950Hm. Einige Abschnitte sind gesichert, die meisten Kletterstellen in den Schwierigkeiten I und I-II muss man allerdings frei überwinden. Der recht exponierte Steig ist gut markiert und unterwegs passiert man 10 Gipfel, wobei nur einige frei bestiegen werden (können). Die Tour wird in der Regel mit 12 bis 13 Stunden Gehzeit angegeben. Unterwegs stehen zwei einfache Biwaks zur Verfügung. Es gibt keine Wasserläufe, so dass man ausreichend Getränke mitschleppen muss.

Alles in allem klang das für uns nach einer spannenden Tour und wir freuten uns auf die Übernachtung im Bivacco Bonvecchio. Da das Biwak auf halber Strecke liegt, waren wir nicht sonderlich in Eile. Gegen 10.30 Uhr trafen wir an der Talstation der Grostè-Seilbahn in Madonna di Campiglio ein und packten die letzten Sachen für die 2-tägige Tour. Dabei wanderten unsere Blicke ständig zum Himmel und zu den umliegenden Gipfeln. An der Brenta hängen oft Nebel- und Wolkenfetzen, die sich über die Berge schieben, doch über uns lag eine geschlossene, dunkle Wolkendecke. Mit getrübter Stimmung und einigen Flüchen über den evtl. doch zu spät angesetzten Aufbruch begaben wir uns - um gut 2,75h zu sparen - zur Gondelbahn und schwangen uns hinauf zum Passo del Grostè (2.446m).

Um die Bergstation herum sah es nicht sonderlich einladend aus, so das wir uns gleich Richtung Sentiero Vidi verkrümelten. An der Abzweigung berieten wir uns über die aktuelle Wettersituation und entschieden, wenigstens kurz einzusteigen, wenn man schon in der Gegend ist. Der Weg stieg gemütlich an und bald erreichten wir mit unserem relativ schweren Gepäck das erste Brenta-Band im Süden der Pietra Grande (2.936m). Es ging vorbei an einigen Schneefeldern, bis wir den Südgrat erreichten und die ersten Tiefblicke und gesicherten Stellen genießen konnten. Das Wetter blieb mit einem Mix aus dichter Wolkensuppe und Sonne abwechslungsreich, doch der Weg war zu spannend, um umzukehren. So zwängten wir uns durch enge Felsspalten und wechselten auf die Westseite des Berges.

Von hier bot sich uns ein herrlicher Blick bis zur Kuppe Sperone degli Orti (2.522m). Vor uns lagen einige Schneefelder, die es zu queren galt und mit Drahtseilen und Leitern gesicherte Kellterstellen, die wir mit Leichtigkeit überwanden. Zahlreiche "Ahhs" und "Ohhs" später erreichten wir die Kuppe und konnten den einfachen Weiterweg um die Cima Vagliana (2.864m) begutachten. Erneut berieten wir über unsere Aussichten, ohne Regen oder gar Gewitter das Bivacco zu erreichen. Um uns herum hingen nach wie vor dunkle Wolken tief und bedrohlich. Wir waren innerlich unruhig, nicht zuletzt aufgrund der steilen Flanken, die auf uns warteten und der vorangeschrittenen Uhrzeit. Bis jetzt hatten wir noch nichts vom Sentiero Costanzi gesehen, denn der Steig beginnt erst kurz vor der Bocchetta dei Tre Sassi (2.613m). Doch kein Argument half und wir entschieden uns schweren Herzens für den Abstieg zum Rifugio G. Graffer. Der Abstieg durch die Wand war ein wenig Entschädigung und unterwegs reifte der Plan, die Nacht im Bivacco Costanzi (2.365m) zu verbringen. So eilten wir zur Mittelstation, um irrsinnigerweise noch einmal 4,5 Stunden bei unsicherem Wetter durch die Bergwelt zu rasen. Aber wenigstens warten dort keine steilen Grashänge auf uns.

An der Talstation der Grostè-Seilbahn wieder angekommen, machten wir uns nach einer kurzen Stärkung mit großen Schritten auf zur Malga Scala (1.563m). Wir kamen an einem schicken Golfplatz vorbei und auf breiten Fahrwegen gingen wir eine ganze Weile leicht bergab. Das gefiel uns überhaupt nicht, denn es galten auch so schon genügend Höhenmeter bis zum Bivacco Costanzi (2.365m) zu überwinden. Doch bald ließen wir die breiten Wege und Horden an Bikern hinter uns und kamen auf schmale, verwachsene Pfade. Nach gut 2 Stunden erreichten wir die schon vor langer Zeit verlassene Malga und gönnten uns eine kleine Pause. Es war bereits nach 17 Uhr und das Wetter blieb unverändert unbestimmbar.

Auf dem Weg zur Malga Scala waren wir die meiste Zeit unter dichten Bäumen unterwegs, so dass wir erst hier an der Malga einen Blick ins Valle del Vento und auf die Aufstiegsroute werfen konnten. Das Tal sah einladend aus und der Weg entpuppte sich als abwechslungsreich. Wir passierten eine Steilstufe, über die im Winter eine Schneelawine gerauscht war. Einige Bäume versperrten den Weg und wir mussten sie mühsam übersteigen. Etliche Stämme waren umgebrochen und über die Klippe mitgerissen worden. Der Pfad führte uns in weiten Kehren geschickt durch einige kleine Steilstufen und an andere Unwegsamkeiten vorbei.

Nach einem steilen Grasanstieg erreichten wir eine kleine Kuppe auf gut 2.100m. Vor uns lagen noch ein paar anstrengende Höhen- und Wegmeter durch Geröll, steige Rinnen und über Schnee- und Blockfelder. Und plötzlich standen wir auf einem herrlich grünen, sanft gewellten Plateau mit Blick auf die Ausläufer des Sentiero Costanzi und das in greifbarer Nähe befindliche Bivacco Costanzi.

Zu unserer Überraschung tummeln sich ein paar Leute vor dem Bivacco. Ein wenig traurig über die Gesellschaft überwanden wir die letzten Meter und erreichten gegen 19 Uhr die kleine, gemütliche Unterkunft. Wir verbrachten den kühlen Abend vor der Hütte, aßen unsere leckere Honigmelone und stiegen dann in die Hochbetten für eine friedliche und erholsame Nacht.

Den nächsten Morgen ließen wir gemütlich angehen, da wir den Sentiero Costanzi nur für ein Stück begehen wollten bzw. konnten. Im Bivacco Costanzi hatten wir am Abend ein Schreiben entdeckt, welches besagte, dass die Route aufgrund fehlender Sicherungen gesperrt ist. Leider sprechen wir kein Italienisch, so dass wir das Schreiben nicht vollständig verstanden und auch die anderen Nachtgäste - allesamt Italiener - nicht fragen konnten. Nichtsdestotrotz packten wir unsere Sachen und brachen gegen 8 Uhr Richtung Passo di Pra Castron (2.503m) auf. Wir schlängelten uns durch das weite Karrengelände und genossen den wolkenlosen, kühlen Morgen und seine Ruhe. Entspannt kamen wir zum Fuß der Cima Benon (2.687m) und überquerten westseitig das mit Schnee bedeckte Geröllfeld.

Um den Gipfel der Cima Benon herum öffnete sich unser Blick auf die Cima di Tuena (2.679m) mit ihren schmalen Verbindungsgraten. Doch zuvor mussten wir ein steiles Schneefeld queren, das am Morgen noch wunderbar verharscht war. Hier würden sich zumindest Grödeln empfehlen, denn ein Abrutschen wäre fatal. Wir suchten uns eine gute Stelle, um das Schneefeld zu überwinden und standen wenig später vor dem ersten Gratstück. An einem Felsen neben uns fanden wir ein Schild bzgl. der Sperrung des Weges. Für meinen Geschmack stand dieser Hinweis viel zu spät...

Unbeeindruckt setzen wir unseren Weg fort und überquerten den luftigen Grat zur Cima di Tuena. An den Graten um uns herum brodelten schon wieder die ersten Wolkenfetzen und im Tal links neben uns war es finster wie die Nacht. Am Ende des ersten Grates umgingen wir die Cima di Tuena ebenfalls westseitig. Es folgten ein versicherter Anstieg und ein paar Höhenmeter später saßen wir kurz unterhalb des Gipfels auf einem extrem steilen Grashang. Hier ging es mächtig nach unten. Bei Regen eine todsichere Sache :) Die nächsten Grate und Türmchen lagen herausfordernd vor uns. Wir hatten Blut geleckt, doch die mangelnde Zeit und die Unsicherheit über den Weiterweg zwangen uns zur Umkehr.

Traurig stiegen wir den gesamten Weg wieder ab und träumten bereits von unserem nächsten Ausflug in die herrliche Bergwelt der Brenta. Natürlich sollte es auch an diesem Tag nicht regnen oder gar Gewittern. Zumindest wissen wir jetzt, dass wir uns von der speziellen Wolkenbildung in der Brenta nicht abschrecken lassen dürfen.

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Abenteuerwege Ost- Westalpen: 32 spannende Touren mit dem gewissen Etwas" von Eugen E. Hüsler. Die Touren sind sehr gut beschrieben. Zum einen erzählt Hüsler lebhaft von seiner eigenen Begehung. Zum anderen erläutert er detailiert die einzuschlagende Route. Der Kartenausschnitt ist nur 1:50.000 und auch fehlt m.E. ein Höhenprofil. Abgesehen davon überzeugt die Tourenauswahl durch Qualität und Anspruch.

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