Slowenien: Über die Zavetišče pod Špičkom zum Jalovec

Die Julischen Alpen sind ein wahres Outdoor Paradies. Hier kommst Du als Wanderer, Kletterer, Alpinist, Biker oder Paddler gleichermaßen auf Deine Kosten und das in jedem Schwierigkeits- und Intensitätsgrad. Gekrönt wird das Ganze durch die Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Sportbesessenheit der Einhemischen, die günstigen Unterkünfte sowie das stabile und zuverlässige Wetter. Keinesfalls darfst Du die heimische Küche - die stark von den Einflüssen aus Italien, Österreich, Kroatien und Ungarn geprägt ist - und deren Köstlichkeiten verpassen. Ein Geheimtipp am Rande: Wenn Du Dich in der Nähe von Kobarid befindest, solltest Du unbedingt die abenteuerliche Fahrt nach Livek auf Dich nehmen und den Bauernhof Jelenov Breg pod Matajurjem besuchen. Hier kannst Du eine kulinarische Reise durchs Land antreten und am Ende - ganz nach Belieben - von den 9 selbstgebrannten Schnäpsen ohne Maß und Zügel probieren.

Eine ganze andere Köstlichkeit ist der alpinistisch spannende Jalovec (2.645m). Vor einigen Jahren nächtigten wir im Tičarjev dom (1.620m) und genossen den DDR-Charme der am Vřsič Pass gelegenen Hütte. Als erste Unternehmungen hatten wir von hier aus den mit Klettersteigen gut erschlossenen, beliebten und dennoch recht abenteuerlichen Prisojnik (2.547m) erklommen und sind zu anderen, kleineren Berg- und Klettertouren aufgebrochen. An einem Ruhetag wanderten wir früh am Morgen zur Slemenova špica (1.909m) und gingen im Anschluss den einfachen und damit überlaufenen Nordwand Klettersteig zur Mala Mojstrovka (2.332m). An der Sleme angekommen, entdeckten wir - neben einem recht lohnenden, aber völlig überbewerteten Geocache - eine besonders schöne Spitze in unserer unmittelbaren Umgebung: den Jalovec. Das "Matterhorn der Julier" hatte uns sofort in seinen Bann gezogen. Bis dahin wussten wir noch nicht, das das Motiv des Jalovec von der Sleme aus gesehen - das auch diesen Beitrag ziert - wohl das Berühmteste Sloweniens ist. Die Formschönheit des Berges verhalf dem Jalovec darüber hinaus zum Wahrzeichen der "Alpine Association of Slovenia". Doch es sollte noch Jahre dauern, bis sich für uns die Gelegenheit ergab, diesen Leckerbissen zu erklimmen.

Nach einer Woche feinstem Wildwasserspaß im Soca Tal brechen wir an einem Samstag Ende Juli 2017 zur Besteigung des Jalovec auf. Da wir am Morgen zunächst unser Paddellager abbrechen müssen, erreichen wir erst am frühen Nachmittag unseren Ausgangspunkt im Zadnja Trenta (Letzte Trenta, 962m). Unweit der wunderschönen Soca Quelle befindet sich ein kleiner, für ca. 15 Autos geeigneter Wanderparkplatz, der bei unserer Ankunft fast vollständig belegt ist. Nach einer schnellen Stärkung schultern wir unsere Rucksäcke und steigen über dichten Laubwald und schöne Bergwiesen zur "Zavetišče pod Špičkom" auf (Hütte unterm Spitzchen, 2.064m). Unterwegs treffen wir auf eine handvoll Wanderer und gelangen nach gut 3 Stunden zur winzigen Hütte, die eindrucksvoll im Karstgelände vor der massiven Felssäule Špiček (2.194m) thront.

Die Berghütte wird von Anfang Juli bis Ende September von einem älteren, liebenswürdig zwanghaftem Wirt geführt. Nachdem wir das Lager bezogen haben, hocken wir uns mit unseren Getränken in die Sonne, lesen und gehen den kommenden Tag noch einmal durch. Unser Plan sieht vor, den Jalovec bis zum Kotovo Sedlo (Kotsattel, 2.134m) zu überschreiten und dann über die Jalovška Škrbina (Jalovec Scharte, 2.138m) wieder ins Tal abzusteigen. Leider ist für den kommenden Tag bereits ab Mittag Gewitter angesagt, so dass wir uns statt der langen, ausdauernden Überschreitung für eine kürzere Variante entscheiden. Um auf der sicheren Seite zu sein, wollen wir die Hütte gegen 5.45 Uhr verlassen. Doch dann kommt alles anders als erwartet...

Kurz vor 17 Uhr erreicht eine sehr große slowenische Männertruppe die kleine Hütte. Sie sind in Feierstimmung  und wollen eigentlich nur ein Bierchen zischen und ihren Abstieg fortsetzen. Innerhalb von wenigen Stunden macht sich die Gruppe allerdings soweit zurecht, dass sie nicht mehr in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Berghütte bebt unter ihren Gesängen und beim Wirt fließt der Schweiß in Strömen. Seine Zwanghaftigkeit gestattet es ihm nur jeweils ein oder zwei Bier aus dem Lager neben der Küche oder eine Flasche Wein aus der Bodenluke zu holen. Dies dauert alles sehr lange, denn damit ist stets das Wegräumen von zwei Bänken und einem Tisch - inklusive dem anschließend millimetergenauen Ausrichten der Möbel - ebenso verbunden, wie das Auf- und Zuschließen des Lagers, wobei sich der Wirt auch während der kurzen Zeit im Lager einschließt. An ein Abendessen ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken. Wir haben glücklicherweise genügend Verpflegung dabei und steigen gegen 22 Uhr hinauf ins Lager. Ein erholsamer und tiefer Schlaf stellt sich allerdings nicht ein, denn die Gruppe feiert und grölt solange weiter, bis jeglicher Alkohol ausgeschenkt ist. Die Nacht ist entsprechend geprägt von heftigsten Schnarchattacken gefolgt von langen Atemstillständen.

Endlich - ernsthaft! - dürfen wir gegen 4.30 Uhr aufstehen und die Hütte verlassen. Nachdem wir über die noch sturzbetrunkenen Slowenen geklettert sind, wecken wir den Wirt, zahlen unsere Rechnung, essen ein paar Happen aus unseren Vorräten und verlassen wie geplant gegen 5.45 Uhr die Hütte. Sofort werden wir für die Mühen der Nacht entschädigt. In absoluter Einsamkeit erleben wir den Sonnenaufgang und die Ruhe des Morgens. Am Himmel hängen einige Wolkenbänder, doch die Bedingungen sind ausreichend gut, um den Jalovec zu wagen.

Zunächst queren wir die Flanke des Veliki Ozebnik (2.480m), wobei uns ein starker Wind um die Ohren fegt. Schon jetzt sind wir fasziniert von der Szenarie um uns herum und erkennen, dass der von der Ferne kantige, unnahbare und übersteile Jalovec von trittsicheren und schwindelfreien Berggehern mit großem Genuss bestiegen werden kann. Die Route ist durchgängig bezeichnet und Du findest etliche - nicht immer vertrauenserweckende - Sicherungen. Damit es nicht zu langweilig wird, gibt es unterwegs keinerlei Wasser, zahlreiche freie Kletterstellen (I bis II) und - besonders am Grat - wunderbar exponiertes Gelände, das durchgängig hohe Konzentration erfordert.

Nach dem Veliki Ozebnik gelangen wir in das Hochkar unter dem Gipfelaufbau, kommen an einer eindrucksvollen Scharte vorbei - hier pfeift der Wind besonders heftig - und halten links auf einen großen Felszacken zu. Nach einer steilen Rinne erreichen wir den Südgrat, der uns mit herrlichen Tiefblicken zum Gipfel des Jalovecs führt. Kurz haben wir noch Sicht, erleben dabei das fantastische Panorama dieses Berges und machen das Ziel für den nächsten Urlaub in den Juliern aus: den benachbarten Mangart (2.679m). Dann schluckt uns eine dicke Wolke, die für die nächsten Stunden am Gipfel hängen bleibt. Fix suchen wir den seit 2010 versteckten Geocache, essen ausreichend und steigen anschließend über den Aufstiegsweg bis zum Kar ab.

Unten im Kar schlagen wir den Weg Richtung Jalovška Škrbina ein und können angenehm einige hundert Höhenmeter im Schutt abfahren, bis wir eine senkrechte Wandstufe erreichen. Das Wetter ist nach wie vor stabil und so erlauben wir uns eine weitere Pause, um eine große Gemsherde zu beobachten. Die folgende Felswand ist noch einmal richtig unterhaltsam. Hier sind an den exponierten Stellen Eisenstifte eingeschlagen. Die Route zieht quer durch die Wand und führt anregend ins nächste unter uns liegende Schuttfeld. Mehrere hundert Stifte später verlassen wir endgültig die alpine Szenarie und laufen gemütlich hinab zu unserem Ausgangspunkt.

Natürlich bleibt das Wetter den ganzen Tag über schön. Erst gegen 20 Uhr zieht das versprochene, heftige Gewitter heran. Es tobt die ganze Nacht über und hängt selbst den folgenden Tag noch bis 11 Uhr im Trenta Tal fest. Wir verbringen die Nacht im vorzüglichen Poštarski dom (1.686m) - in einem gemütlichen Doppelzimmer - und träumen von den vielen weiteren Routen am Jalovec. Neben den Normalrouten sind mit Sicherheit das im Winter begangene Kugy Couloir (auch bekannt als Jalovcev Ozebnik) oder die Nächtigung im Biwak Tarvisio mit anschließender Überschreitung des Mangart besonders spannend. Fest steht, dass wir zurück in die Julier kommen. Immerhin warten neben dem Mangart noch der Triglav über den sieben Seen Weg und der Razor auf eine Besteigung.

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Die schönsten Gipfelziele. Ortler, Dolomiten, Julische Alpen". Mark Zahel beschreibt 50 Touren in den Südalpen ausführlich, oftmals mit zusätzlichen Varianten und Alternativen. Die Tourenkarten sind recht brauchbar, die Bewertungen realistisch und die Bilder hochwertig.

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