Rund um den Sorapis

Die Sorapis-Gruppe ist ein Gebirgsmassiv in der Provinz Belluno (Region Venetien, Norditalien), mit einer Erhebung von 3.205m über NN. Erfahrene Bergwander können das Massiv auf einer anspruchsvollen 13 bis 15,5 Stunden langen Tour umrunden. Dabei werden 1.790 Höhenmeter im Auf- und Abstieg auf schmalen Pfaden, mehr oder wenig ausgesetzten Steigen und im Geröll zurückgelegt. Selten geht es eben durch die steilen und von der Sonne aufgeheizten Hänge. Wasser gibt es in den meisten Jahren unterwegs zwar nicht, dafür aber gemütliche Bivaccos, atemberaubende Tiefblicke und zwei lohnende Geocaches. Also nichts wie hin :)

Als Ausgangspunkt eignet sich der Passo Tre Croci (1.805m). An schönen Wochenenden kann es hier sehr voll werden und entsprechend schwierig gestaltet sich die Parkplatzsuche. Aber keine Angst, die Leute gehen nicht weit. Vom Pass aus führt ein relativ einfacher Wanderweg zum Rifugio Vandelli (1.926m). Nach zirka 2 bis 2,5 Stunden und einigen wenigen Drahtseilversicherungen sowie einer Metalltreppe gelangt man zum Lago di Sorapis und wenige Minuten später steht man vor dem gemütlichen Rifugio. Als wir Mitte Juli 2012 die Tour unternahmen, benötigten wir nur 1,75 Stunden, weil uns ein herrliches Gewitter mit kräftigen Regenfall vorantrieb.

Je nach Wunsch kann die Umrundung unterschiedlich gestaltet werden. Konditionsfreaks reißen den kleinen Ausflug eventuell an einem Tag, andere gehen es gemütlich an und schlafen auf dem Rifugio oder einem der beiden Bivaccos.

Das Bivacco Comici (2.020m) ist relativ heruntergekommen und riecht modrig. Dafür gibt es 5 intakte Betten. Im Bivacco Slataper (2.620m) ist es olfaktorisch besser, aber nur 2 Personen haben einen bequemen Schlafplatz. Eine weitere Person könnte auf einer halbseidenen Liege nächtigen. Der Wirt des Rifugio Vandelli und seine Familie sind recht mundfaul und die Preise sind relativ happig. Als Entschädigung gibt es dafür große und leckere Mahlzeiten. Auch trifft man mit Sicherheit ein paar nette Leute zum Fachsimpeln. Die Zimmer sind vollgestopft mit Doppelstockbetten, so dass gewinnmaximierend 8 Mann in einem kleinen Zimmer hausen können. Da hier der Dolomitenhöhenweg Nr. 4 vorbeiführt, gibt es auf der Hütte häufig Platzprobleme. Am Besten ist es wohl, die Nacht auf dem Bivacco Slataper zu verbringen. Man ist in der Regel allein, hat damit seine Ruhe und kann ohne auf Andere achten zu müssen am Morgen durchstarten. Da wir am Vortag den Monte Antelao bestiegen hatten, mussten wir eine Nacht auf dem Rifugio Vandelli in Kauf nehmen.

Die Via ferrata Alfonso Vandelli ist ein sehr schöner und gut geführter Klettersteig (Schwierigkeit C). Genussvoll kann man sich für einige Stunden durch den festen Fels bewegen. Die Querungen machen Spaß und im letzten Viertel kann man viel frei klettern. Die Leitern im unteren Teil sind eigentlich gut in Schuss, bis auf die Letzte. Sie hat durch zahlreiche Blitzein- und Steinschläge gelitten; es fehlen ihr so ziemlich alle Sprossen.

Wir waren früh am Morgen noch vor den Höhenwegwanderern vom Rifugio Vandelli losgezogen, um ungestört zu sein. Das klappte auch super, so dass wir fast die gesamte Zeit allein steigen konnten. Erst kurz vor dem Ausstieg überholten uns zwei Italiener, die nicht auf der Hütte geschlafen hatten. Später sollten sie langsamer werden, da der Vordermann umgeknickt war und unter Schmerzen bis zum Rifugio San Marco weiterlaufen musste. Der Hintermann hatte eine riesige Isomatte (oder war es ein Zelt?) am Rucksack befestigt. Er verlor immer wieder das Gleichgewicht und landete auf dem Hosenboden. Trittsicherheit: fehl am Platz...

Nachdem wir den Vandelli Klettersteig verlassen hatten, wanderten wir im steten auf und ab zum Bivacco Comici. Der Weg war unschwierig und nur einmal gab es eine Abkletterstelle (I) mit Seilversicherung. Schon von Weitem sahen wir das Bivacco und konnten uns so mental auf den ersten Cache der Runde "Alta Via Dolomiti 4" (D2/T4) vorbereiten. Das Döslein war wahrscheinlich von einem kräftigen Regenschwall oder vom Tauwetter unter dem Bivacco hervorgespült worden. Wir fanden ihn - als Fünfte überhaupt und als Erste im Jahr 2012 - in keinem guten Zustand in einem kleinen Müllhaufen.

Frisch gestärkt ging es weiter Richtung Forcella Grande. Als wir in das entsprechende Tal eindrehten, erblickten wir den Corno del Doge über der Forcella. Für einige Zeit wanderten und kraxelten wir unterhalb von steilen Hängen und schritten unter Überhängen entlang. Nach einer weiteren Abkletterstelle wendete wir uns von den Steilhängen ab und schlenderten auf grünen Buckeln der Forcella entgegen. Nun hieß es aufpassen. An einem großen Stein kann man, wenn man Glück hat, eine Markierung entdecken, die den Einstieg in das Tal des Bivacco Slataper darstellt. Der steile Pfad ist eine Abkürzung und die Markierungen sind kaum noch zu erkennen. Falls man diesen Abzweig verpasst, zweigt später erneut eine gut sichtbare Spur in das Seitental ab. Evtl. ist dieser Abzweig sogar die bessere Wahl, weil wir uns abwechselnd durch sehr feines, loses Geröll und große Blöcke kämpfen mussten.

Seit dem Bivacco Comici hatte sich das Wetter kontinuierlich verschlechtert. So richtig bedrohlich wirkte die Wetterlage aber erst beim Einstieg Richtung Bivacco Slataper. Schwarze Wolken hingen schwer und finster an den Gipfeln der Croda Marcora und Punta Sorapis. Der Wind nahm zu und fegte in kräftigen Böen über uns hinweg. Und dann der erste Donner. Unsere Schritte beschleunigten sich und wir eilten dem steilen Hang empor. Bald sahen wir das Bivacco Slataper auf dem riesigen Felsblock unter einem imposanten Überhang. Schwitzend erreichten wir die Biwakschachtel und freuten uns, dass sie noch keinen Schlafgast aufgenommen hatte. Bevor es ungemütlich wurde, suchte ich noch nach dem zweiten Cache der Tour "Bivacco Slataper" (D2/T4). Das Döslein war ebenfalls schnell gefunden. Zu meiner Überraschung war ich der erste Finder überhaupt.

Es war erst gegen 16.30 Uhr, doch um uns herum war es stockfinster. Der Wind gewann weiter an Stärke und irgendwann begann es, kräftig zu regnen, zu donnern und zu blitzen. Das Blech der Biwakschachtel beulte sich unter den Böen. Trotz alledem lagen wir ziemlich entspannt in unseren Schlafsäcken und freuten uns über das Abenteuer und auf unser kleines Abendessen. Die halbe Nacht über tobte das Unwetter und wir hofften, dass der nächste Morgen schön wird. Immerhin wartete ein weiterer Klettersteig auf uns. Und siehe da, wir hatten Glück. Gegen 5.30 Uhr standen wir auf. Es begrüßten uns die ersten Sonnenstrahlen am Monte Antelao und ein wolkenloser Himmel. Nach einem Minimalfrühstück begannen wir den letzten Teil dieser herrlichen Tour.

Die Forcella del Bivacco (2.670m) ist ein sehr beeindruckender, steiler Felsabbruch unweit vom Bivacco. Wir brauchten einen klammen Moment, um den Einstieg zur Ferrata Francesco Berti zu finden. Nach einer kurzen Querung kraxelten wir luftig mit Hilfe von (teilweise überhängenden) Leitern und einigen Klammern 100 Meter in die Tiefe. Am Fuße der Wand befanden wir uns in einem Geröllkessel, den wir bald wieder über zwei imposante Leitern verließen. Hier könnte man auch ins Tal absteigen, wovon in einigen Führern abgeraten wird. Stattdessen setzten wir unsere Tour auf dem schmalen Band fort und verließen bald den Talkessel. Uns bot sich eine großartige Kulisse: knapp 1.500 Meter über dem Val Boite und die Sicht war atemberaubend. In der Ferne konnten wir die Marmolada ausmachen.

Anfangs gab es noch einige luftige Querungen, doch nach und nach nahmen die Schwierigkeiten ab. Wir arbeiteten uns im feinen Geröll bis zu einer markanten Geländeschulter vor und bogen auf ca. 2.600m ins Tonde de Sorapis ab. Hier erwartete uns die letzte Schwierigkeit. Einige Höhenmeter (ca. 50Hm) mussten wir im brüchigen Gestein abklettern (I - II). Wir wählten dazu eine Rinne, die ausreichend Tritte und Griffe bot. Danach setzten wir den Weg in der Geröllmulde fort und sahen bald den Lago di Sorapis und das winzig kleine Rifugio. Noch einmal mussten wir im fiesen Geröll absteigen. Doc dann waren wir wieder in der Zivilisation mit lärmenden Schulklassen und Wanderern in Badelatschen angekommen. Dies trübte unsere Stimmung keinesfalls. Am Rifugio Vandelli verspeisten wir leckeren Schokokuchen und träumten bereits von der Besteigung der Croda Marcora und der Punta Sorapis...

Buchempfehlung

Die beschriebene Tour stammt aus dem Buch "Abenteuerwege Ost- Westalpen: 32 spannende Touren mit dem gewissen Etwas" von Eugen E. Hüsler. Die Touren sind sehr gut beschrieben. Zum einen erzählt Hüsler lebhaft von seiner eigenen Begehung. Zum anderen erläutert er detailiert die einzuschlagende Route. Der Kartenausschnitt ist nur 1:50.000 und auch fehlt m.E. ein Höhenprofil. Abgesehen davon überzeugt die Tourenauswahl durch Qualität und Anspruch.

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