Lost Place: Akutklinik für Rheumatologie Etzelbach

Im Dörfchen Etzelbach hausen 412 Seelen (Stand 31.12.2010) und am gleichnamigen Bächlein sowie etwas südlich in den Saaleauen einige barbarische Biberfamilien. Im Ortskern findest Du eine neugotische Kirche, in die hin und wieder zu Orgelkonzerten geladen wird. Sportlich Begeisterte können von hier aus idyllische Rennrad- oder Mountain Bike Touren Richtung Partschefeld und Mötzelbach unternehmen oder auf der Saale Richtung Jena paddeln. Der Ort liegt direkt an der Bundesstraße und der ehemaligen ICE-Strecke Berlin-München, die stark befahren bzw. frequentiert sind. Außer einer (teil-)stationären Pflegeeinrichtung des Sozialwerk Heusers gibt es keine Industrie- oder Gewerbeansiedlungen (mehr). Einige Einheimische bewirtschaften die Ländereien rund um den Ort. Zudem trachten sie aus Angst, Unwissenheit, Hass oder Langeweile den migrierten Bibern nach dem Leben. Anstatt sie nach altem Rezept mit Speck und Trüffeln zu genießen, werden sie erschossen oder vergiftet, woran die Tiere qualvoll nach Tagen verenden. In den vergangenen Jahren schürte der ehemalige - im April 2020 verstorbene - Bürgermeister Joachim Jahn zumindest die Stimmungsmache gegen die geschützen Nager.

Das Fremde, das Veränderung und Neues mit sich bringt, scheint in Etzelbach nicht Fuß fassen zu können. Gilt dies auch für die seit knapp 20 Jahren leer stehende Akutklinik für Rheumatologie? 2011 sollte das Klinikgebäude für 25.000 € Mindestgebot im Berliner Humboldt-Carré versteigert werden. 20 Kaufinteressenten kamen nach Etzelbach, aber nichts geschah - das zu diesem Zeitpunkt noch gut erhaltene Objekt schlief weiter seinen Dornröschenschlaf. 2016 wurde durch einen Schweizer Investor der Umbau der ehemaligen Akutklinik zu einer Pflegeeinrichtung forciert. An das denkmalgeschützte Gebäude sollte ein mindestens dreimal so großer Neubau angebunden werden. Beschlüsse waren gefasst, der Zuspruch vom Bürgermeister Toni Hübler gegeben, die Denkmalbehörder befriedigt, der Zukauf eines weiteren Grundstücks avisiert. Doch bis heute steht das Objekt leer. Gründe sind offiziell keine bekannt. Der Lost Place im Osten von Thüringen wird nach wie vor auf Immonet samt 42.000m² Grundstück inklusive intaktem Mischwald zum Verkauf angeboten.

    1904 wurde der Gelbklinkerbau auf einem kleinen Bergrücken oberhalb der Bundesstraße als Müttergenesungsheim errichtet. Außen zieren die Villa ein rotes Sandsteinportal und ein Buntsandsteinsockel. Die Fenster sind ebenso mit rotem Sandstein eingefasst. Auf der dem Portal gegenüberliegenden Gebäudeseite (Richtung Etzelbach) ist ein großer Wintergarten im Fachwerkstil angebaut. 1.150m² Wohnfläche verteilen sich auf mehr als 30 Zimmer und über drei Etagen. Wie auch bei der Sophienheilstätte befinden sich im Außenbereich Liegehallen für die Erkrankten. Alte Postkarten zeigen, dass das Objekt über all die Jahre und Regime hinweg als Genesungsheim bzw. Heilstätte diente. Nach der Wende übernahm die Interdisziplinäres Therapiezentrum (ITZ) Etzelbach GmbH den Betrieb, war aber nicht Eigentümer der Akutklinik.

    Die 3 Etagen sind über einen Personen- und Lastaufzug miteinander vebunden. Im Keller befinden sich Tauch- und Bewegungsbecken, Duschen, Therapieräume und Behandlungszimmer, der Heizraum mit Öllager und weitere Lagerräume. Das Erdgeschoss beherbergt den Empfangsbereich, einen Flur mit breitem Treppenhaus, Büros und Ärztezimmer, eine große Küche mit Spülbereich und einen über das Saaletal blickenden Speisesaal. Der Saal hat eine recht unspektakuläre Stuckdecke und einen Durchgang zum angrenzenden Wintergarten. Dort wurden im Rahmen der "zeitgemäßen Sanierung und Modernisierung" (siehe Expose) völlig unpassende Fenster mit Plastikrahmen eingesetzt.

    Im Obergeschoss sind neben obligatorischen sanitären Einrichtungen 14 Patientenzimmer. Im Mansardengeschoss sind 13 weitere Zimmer. Hier waren damals die Angestellten untergebracht. Die Zimmer im Haus mögen dank der vielen Fenster hell sein, die Flure sind umso dunkler und unfreundlicher. Der Sozialismus hat hier seine Spuren schonungslos hinterlassen und die Sanierung in den 90ern umfasste nur das Nötigste. Die Wände sind schief, die meisten Medien verlaufen Aufputz, die Türen sind - wie auch die Fenster - charakterlos und unpassend. So charmant das Gebäude von außen wirkt, so kalt, lieblos und unspektakulär ist es im Inneren. Die Bäder mit ihren winzigen Fliesen, die bis unter die Decke reichen, geben ein heimeliges Gefühl von Schlachthaus. In einigen Zimmern stehen noch Klinikbetten und vereinzelt Liegen sowie Ablagerollschränke herum. Insgesamt ist die Akutklinik - mal abgesehen von den überall herumliegenden Glasspritzen - leergefegt und der Verfall hat längst begonnen. Lampen hängen schief von der Decke und der Schimmel schält die Tapeten streifenweise von den Wänden. Vandalismus gibt es hier dankenswerterweise keinen.

      Auf der anderen Saaleseite wurde 1995 neben der alten Weißenburg der Grundstein für einen Klinikneubau mit 220 Betten gelegt. Ende 1996 wurde der Neubau an die Intensiv Therapiezentrum Wei­ßen Gm­bH übergeben. Nur ein Jahr später wurde sowohl für das ITZ Weißen als auch das ITZ Etzelbach das Insolvenzverfahren eröffnet und Hanns Pöllmann als Insolvenzverwalter bestellt. In den folgenden zehn Jahren lieferten sich der Verwalter, der Grundstückseigentümer der Akutklinik Etzelbach und später auch das Thüringer Gesundheitsministerium sowie die Landesversicherungsanstalt Thüringen (LVA) langwierige Auseinandersetzungen, die zum Teil vor dem Oberlandesgericht und Bundesgerichtshof ausgefochten wurden.

      Um das ITZ Weißen zu sanieren, wurde im Jahr 2000 die Akutklinik von Etzelbach nach Weißen verlegt. Ebenso zog die Landesgeschäftsstelle der Deutschen Rheumaliga Thüringen aus. Damit war das Ende des Standortes Etzelbach besiegelt. Selbst die Klinik in Weißen scheint immer wieder bedroht. So wechselte in den letzten 15 Jahren der Betreiber mehrfach:

      • 2004 - Deut­sche Kli­nik Gm­bH
      • 2006 - Ca­pio AB (Schweden)
      • 2017 - So­nic He­alth­ca­re (Australien).

      2 Kommentare für "Lost Place: Akutklinik für Rheumatologie Etzelbach"Schreibe Deinen

      1. Das Gebäude ist Kameraüberwacht, Hinfahren lohnt sich nicht

      2. Danke für deinen wertvollen Hinweis.

      Kommentar dalassen

      Dein Kommentar wird redaktionell geprüft und alsbald freigeschalten.