Grönland: Mehrtagestour zum Russell Gletscher und Inlandeis

Es ist kurz nach Mitternacht. Um uns herum knackt und knarrt es gespenstisch. Doch es ist nicht der Wind, der durch die Baumwipfel fegt, sondern die vor uns steil aufragende Wand aus Eis und Schnee des Russel Gletschers, der sich Millimeter für Millimeter in unsere Richtung schiebt. Wir stehen mit ausreichend Sicherheitsabstand am Fuße der Abbruchkante, die an einigen Stellen bis zu 60m hoch ist. Zwischen uns und dem Gletscher fließt dickflüssig ein vom Sediment grau gefärbter Wildbach Richtung Søndre Strømfjord. Gespannt beobachten wir das Eis und hoffen insgeheim darauf, dass ein großer Brocken abbricht und mit Wucht ins Wasser rauscht. Zwei Stunden lang erkunden wir das unnahbare Gelände, kraxeln über scharfkantige Felsen, bestaunen das glattgeschliffene Grundgestein und entdecken einen mit einem Regenbogen verzierten Wasserfall. Impossant ergießt er sich unter das Inlandeis, um an einer anderen Stelle mit Wucht durch ein großes Eisloch wieder ins Freie zu schießen.

Kangerlussuaq: Ankunft auf einer Militärbasis

Kaum zu glauben, dass wir vor wenigen Stunden mit einer A330 aus der geschäftigen Zivilisation Kopenhagens nach Kangerlussuaq geflogen sind. Spätestens mit dem langen, bodennahen Landeanflug durch ein enges Tal sind wir im Abenteuer angekommen. Kangerlussuaq liegt im Distrikt Sisimiut an der Westküste Grönlands, gut 100km nördlich vom Polarkreis, am Ende des 163km langen Søndre Strømfjord (dänisch für "Langer Fjord"). Der Ort mit seinen gut 500 Einwohnern ist keine ursprüngliche Siedlung der Inuit. Das Gebiet diente früher lediglich der Sommerjagd. Während des zweiten Weltkriegs wurde hier die US-amerikanischen Militärbasis Bluie West 8 errichtet und im Herbst 1941 in Betrieb genommen. Sie diente als Zwischenlandeplatz für Luftaktionen der USA und der Allierten. Im September 1992 kaufte die grönländische Regierung die Militärbasis für 15 Cent von den USA ab.

Kangerlussuaq ist neben Narsarsuaq einer der zwei internationalen Flughäfen Grönlands. Etwa 75% der jährlich 400.000 Fluggäste von Air Greenland landen hier. Doch die meisten Gäste reisen gleich weiter ohne dem größten Dorf Grönlands einen Besuch abzustatten. Das mag wohl auch daran liegen, dass Kangerlussuaq nicht sonderlich schön ist und auch nichts historisches zu bieten hat. Dabei kannst Du hier getrost ein paar Tage verbringen und einige merkwürdige Superlative erleben. So gibt es unweit der Landebahn den wohl nördlichsten 18-Loch Goflplatz der Welt. Dieser wird in Reiseführern angepriesen, ist aber nicht viel mehr als ein vermüllter Sandplatz.

Wenn es Dir dort zu staubig wird, kannst Du zum Ruderclub, zur Bowlinghalle oder zum Fitnesscenter weiterziehen oder einige der zahlreichen Geocaches rund um den Dorfkern suchen. Falls Du eher auf etwas Militärgeschichte stehst, dann solltest Du das Museum besuchen, das in einer ehemaligen Militärbaracke residiert. Darüber hinaus - für Europäer eher keine Attraktion - findest Du in Kangerlussuaq ein relativ weit ausgeprägtes Straßensystem, das sogar aus dem Ort hinausführt, was in Grönland außergewöhnlich ist. So kannst du 25km Richtung Osten und 10km Richtung Westen auf buckligen Sandpisten dahin cruisen.

Futuro Melonen und Tiefkühlpizza

Der wohl wichtigste Grund, warum Du Kangerlussuaq nicht einfach so den Rücken kehren solltest, ist der Arctic Circle Trail (ACT). Der einzige Weitwanderweg Grönlands beginnt 10km südwestlich in der Nähe des Hafens. Ein schmaler, manchmal kaum sichtbarer Pfad führt einsam 160km durch eine grandiose Fjell Landschaft nach Sisimiut. Der ACT ist auch Ziel unserer Reise. Doch bevor wir zu diesem Abenteuer aufbrechen, wollen wir dem gut 25km entfernt liegenden Inlandeis und dem berühmten Punkt 660 einen Besuch abstatten, um uns ein wenig an die euphorisierende Wirkung des Polartages und die klimatischen Verhältnisse Grönlands zu gewöhnen.

Nachdem wir unseren Flieger verlassen und unsere schweren Rucksäcke abgeholt haben, besuchen wir sogleich den Supermarkt von Kangerlussuaq. Der liegt in unmittelbarere Nähe vom Flughafengelände und überrascht uns mit exotischen Südfrüchten wie Futuro Melonen und frischem Gemüse sowie Tiefkühlpizza von Dr. Oetker. Wir kaufen für die kommenden zwei Tage leichte Verpflegung und finden zu unserer Freude ausreichend Gaskartuschen, die wir auf unseren MSR Kocher mit Universalaufnahme schrauben können. Ebenso einfach erhalten wir in der Nachbarschaft für unseren - im Vorfeld aufwändig mit Cola gereinigten - Benzinkocher Brennstoff. Dann gehen wir zurück zum Flugplatz und verstauen unser nicht benötigtes Gepäck - darunter 7kg gedörrte, vakuumierte Hausmannskost - in einem der zahlreichen Metallspinde.

Gleich um die Ecke liegt World of Greenland, wo wir uns überteuerte Mountain Bikes ausleihen. Die Räder sind absoluter Billigschrott und komplett zerrockt. Sie haben nie Öl gesehen, wodurch die Gangschaltung nahezu unbrauchbar ist. Einzig die Bereifung wurde an die örtlichen Gegebenheiten angepasst, so dass wir uns besser durch den tiefen Sand pflügen können, der auf der Straße liegt. Durch unsere großen, prall gefüllten Trekkingrucksäcke etwas schaumgebremst, brechen wir am späten Nachmittag Richtung Russel Gletscher auf. Dank des Polartags bedarf es keiner Eile. Im Juni und Juli ist es hier ganztägig hell, lediglich gegen 2 Uhr morgens versinkt die Sonne für wenige Minuten. Insofern spielt es keine Rolle, wann wir unser Zelt aufbauen. Weitere Sicherheit gibt uns das trockene, kontinentale Klima Kangerlussuaqs. Die Sonne scheint hier bis zu 200 Stunden im Monat und die Temperaturen liegen gemäßigt zwischen -20 und +10°C.

Auf unserem Weg zum Russel Gletscher machen wir immer wieder Halt, bestaunen die baumlose Landschaft und entdecken in diesen hügeligen Landen - auf grönländisch Isunngua genannt - bald das Inlandeis am Horizont. Unsere Fahrt auf der breiten Sandpiste führt an Akuliarusiarsuup Kuua (auf dänisch Sandflugtdalen) und einem von Souvenirsammlern ausgebeuteten Flugzeugwrack vorbei. Bis zum Ende der Straße kurz vor dem Punkt 660 dürfen Unimogs und Geländefahrzeuge von World of Greenland verkehren, wobei hinter dem Russel Gletscher die Weiterfahrt durch eine Schranke versperrt ist. Während unserer Tour ist es aber vollkommen ruhig und wir begegnen bis zu unserer Rückkehr nach Kangerlussuaq keiner Menschenseele.

Wir müssen hin und wieder schieben, da der Sand stellenweise zu tief oder die Hügel zu steil sind, um sie mit unserer klapprigen Mountain Bikes bewältigen zu können. Entspannt gelangen wir gegen Abend in die Nähe des Gletschers und finden am Ufer des Aajuitsup Tasia eine günstige Stelle für unser Zelt. Ein paar zurückgelassene Europaletten dienen uns als Tisch, auf dem wir sogleich unser Hab und Gut ausbreiten. Spätesten jetzt machen wir Bekanntschaft mit den lästigen Stechmücken, die zu tausenden summend in der Luft hängen und bösartig in Scharen über uns herfallen. Meckernd bauen wir unsere Nachtstätte auf, immer darauf bedacht, dass keine Mücke ins Zelt gelangt. Nach einem spartanischen Abendessen brechen wir gegen 22 Uhr zum Russel Gletscher auf und genießen in den kommenden Stunden die Ruhe und Abgeschiedenheit dieses Ortes. Müde und glücklich kehren wir zum Zelt zurück und versinken im Nu in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Moschusochsen und der Punkt 660

Nach einem schmalen Frühstück packen wir ein wenig Essen, unseren Wasserfilter und die Kamera ein und brechen Richtung Punkt 660 auf. Die vor uns liegenden 15km lassen sich spielend bewältigen, da hier weniger Sand auf der Straße liegt und wir keine schweren Rucksäcke buckeln müssen. Erstes Highlight ist der wohl schönste Picnic Platz der Welt. Er liegt auf einer kleinen Anhöhe, ist mit ein paar Sitzmöglichkeiten und einem Geocache ausgestattet und erlaubt den Blick auf eine atemberaubende "Lagune" aus blauem Eis. Auf den folgenden Kilometern genießen wir die pitoreske Szenarie, ergötzen uns an den zahlreichen Seen und Wasserläufen, beobachten mehrere Herden von scheuen Moschusochsen und knipsen hunderte Bilder vom Inlandeis.

Plötzlich stehen wir am Punkt 660. Die Schotterstraße führt in einer S-Kurve steil nach oben und erlaubt uns einen einfachen Zugang zum Eispanzer. Erfürchtig spazieren wir einige hundert Meter Richtung Osten und können die Grenzenlosigkeit des Geländes kaum fassen. Erfreut stellen wir fest, dass es hier keinerlei Stechmücken gibt, die uns bösartig malträtieren. Von hier aus sind es gut 200km bis zu der seit 1988 verlassenen, amerikanischen Radarstation "Dye II", die man im Rahmen einer Skiexpedition besuchen kann. Lange blicken wir umher, bevor wir zurück zu unseren Rädern kehren und den hier versteckten Geocache suchen.

Zur Jahrtausendwende hätten wir uns hier nicht aufhalten können. Abgesehen davon, dass der Punkt 660 auf keiner Karte verzeichnet war, herrschte hier absolutes Betretungsverbot. Selbst der Überflug war strengstens untersagt. Der Volkswagen Konzern hatte sich die exklusive Nutzung des Areals für das Testen von Prototypen mit der Zahlung von 70 Millionen Kronen jährlich für 15 Jahre gesichert. Eine Eispiste führte zu einem Testgelände von 50km Durchmesser. Den 40 Mitarbeitern standen diverse Hochgeschwindigkeits- und Kreisrennstrecken, eine 900m² Werkstatt, ein Lager, ein Kraftwerk und ein Hotel mit angebundener Cafeteria zur Verfügung. Großfrachtflugzeuge brachten die sog. "Erlkönige" nach Kangerlussuaq. Die Fahrzeuge wurden anschließend auf Trucks verladen und zum Punkt 660 transporiert. Dieses Vorgehen wurde damals von den Medien (1, 2, 3) scharf kritisiert, da Volkswagen keinerlei Umweltanalysen nachweisen musste und ohne Bedenken Rentierzuchtgebiet und Vogelbrutstätten queren durfte.

Nach einem kleinen Happen Essen kehren wir dem Inlandeis unseren Rücken und brechen zum letzten Abenteuer des Tages auf. Dazu fahren wir fast bis zu unserem Zelt am Aajuitsup Tasia zurück. An einer günstigen Stelle verstecken wir die Räder hinter Büschen und besteigen weglos einen nahegelegenen, namenslosen Hügel. Oben angekommen finden wir nicht nur einen Geocache, sondern können weit ins Umland schauen. Mehr als eine Stunde bleiben wir an diesem stillen Ort und laben uns an dem Blick über das Inlandeis und Isunngua. Beseelt laufen wir zu unseren Rädern und verbringen eine weitere Nacht am See. Am nächsten Morgen brechen wir unser einsames Lager ab und radeln auf den ächzenden Billigmöhren zurück nach Kangerlussuaq, um wenige Stunden später für 10 Tage auf dem Arctic Circle Trail Richtung Sisimiut unterwegs zu sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Zukunft von Westgrönland

Die aktuelle Entwicklung Westgrönlands lässt das Abenteurerherz schwer werden. Unter anderem gibt es konkrete Pläne für den Bau einer Straße zwischen Kangerlussuaq und Sisimiut. Sicherlich muss der Arctic Circle Trail von diesem Bauvorhaben nicht direkt betroffen sein. Und doch wertet es das Erlebnis in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit ab, wenn am Horizont Unimogs über des Fjell ihre staubige Bahnen ziehen.

Zusätzlich wird Westgrönland industriell erschlossen. Die Schmelzwasserströme sollen für die Energiegewinnung genutzt werden, um insbesondere die umweltbelastende und energiehungrige Aluminiumverhüttung betreiben zu können. Darüber hinaus sollen die massiven Erdölvorkommen vor der Küste erschlossen werden. Ungewiss ist auch die Zukunft Kangerlussuaqs. Aktuell wird diskutiert, die internationälen Flughäfen in die Hauptstadt Nuuk und den Touristenmagneten Ilulissat zu verlagern. Selbstverständlich möchte man den Inuit die Erschließung eines höheren Lebensstandards gönnen. Doch zurück bleibt das Gefühl, dass ein weiteres, funktionierendes Ökosystem der Gier Einzelner - ausländischer Investoren - geopfert wird.

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