Lost Place: Villa Brüderlein und die VEB Lederwerke Einheit

Das thüringische Städtchen Pößneck war einst ein florierendes Zentrum für das Gerberhandwerk und die Textilfabrikation. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren sage und schreibe 214 Tuchmachermeister und 14 Textilfabriken in Pößneck ansässig. Durch die Ansiedlung und den rasanten Ausbau von Fabriken kam es zu einer Verdopplung der Bevölkerungszahl und zu einem bemerkenswerten Wachstum der umliegenden Vorstädte. Während 1833 lediglich 3.424 Einwohner in Pößneck lebten, waren es 1905 bereits 12.702 - was in etwa dem Stand von heute entspricht.

Zu dieser Zeit lebte und waltete der Fabrikant und Gerbermeister Emil Brüderlein. Er wurde 1831 als Sohn des Gerbers Johann Carl Brüderlein geboren und gründete im Jahre 1864 die Lacklederfabrik E. Bürderlein. Risikoaffin und visionär führte er mit großer Innovationskraft das Unternehmen bis zu seinem Tode im Jahr 1901. Zu seinen Verdiensten zählen u.a. die Etablierung von Lackleder in Deutschland, die Verwendung von Rind- und Schafs- statt Schweinehäuten sowie die Einführung eines Schnellgerbverfahrens. Das neue Verfahren erlaubte es, die Herstellungsdauer von Oberleder von einigen Wochen auf wenige Tage zu reduzieren. Seine Fabrik erlangte weltweite Bekanntheit und brachte ihm den Titel "Pößnecker Lederkönig" ein.

Nach dem Tod von Emil Brüderlein übernahmen die Söhne Arno und Emil junior die Geschäftsführung. Die Brüder waren ähnlich tüchtig und ließen unter anderem eine Villa, ein Teehaus und ein Kontor errichten. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Lacklederfabrik erfolgreich im Familieneigentum weitergeführt, zuletzt von Artur Merx, der ein Urenkel von Emil Brüderlein senior war. Bis zum zweiten Weltkrieg fanden auf dem Fabrikgelände 35 nennenswerte Neu-, Aus-, Auf- und Umbauarbeiten statt. Während der Kriegsjahre konnte die Produktion aufgrund mangelnder Rohstoffe nur eingeschränkt fortgeführt werden.

1954 wurde die Lacklederfabrik durch das DDR-Regime enteignet und in die "VEB Lederwerke Einheit" umbenannt. Wenig später erfolgte die Umstellung auf die Produktion von schnödem Schweinsleder. Zu DDR-Zeiten blieb das Fabrikgelände - abgesehen vom Neubau einer Lagerhalle - im Wesentlichen unverändert. Die politische Wende brachte 1991 das Ende der (Lack-)Lederproduktion im VEB Lederwerke Einheit. Im Gegensatz zu vielen anderen Lost Places in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt wurden auf dem ehemaligen Fabrikgelände frühzeitig - bereits im Jahr 2000 - zahlreiche Objekte abgerissen. Die verbliebenen Gebäudeteile werden heute entweder gewerblich genutzt oder sind dem Verfall preisgegeben.

Einer der wenigen Lost Places auf dem Gelände der VEB Lederwerke Einheit ist die Jugendstilvilla der Brüderleins. Mit ihrem kaputten Dach und dem verwilderten Garten steht sie einsam und vergessen an einer viel befahrenen Bundesstraße. Kein Schild erzählt hier von der Familie Brüderlein und ihrem Unternehmergeist während der industriellen Revolution. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man an der Fassade die Lettern "VEB Lederwerke Einheit" und träumt dabei sicherlich von der zeitlosen Schönheit ihrer Architektur - zumindest bis der nächste Laster vorbeischeppert. Die wenigen verbliebenen Einrichtungsgegestände im Inneren der Villa geben über die Nutzung der letzte Jahre Rätsel auf. Neben einem Technikraum mit großen Schaltschränken imponieren vor allem der raumhohe Wandtresor und die Loggia mit ihren schmalen Fenstersprossen - die stark an die Bauweise in der verlassenen Sophienheilstätte erinnern.

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